Dan Browns Robert-Langdon-Thriller „The Secret of Secrets“ •
Der US-amerikanische Thriller-Autor Dan Brown zählt zu den erfolgreichsten Romanschriftstellern der Gegenwart. Seine Geschichten rund um den fiktiven Harvard-Professor Robert Langdon entwickelten sich zu Millionen-Bestsellern; drei von ihnen (darunter „Sakrileg – The Da Vinci Code“) wurden mit Tom Hanks in der Hauptrolle verfilmt.
Ende 2025 erschien der sechste Roman dieser Reihe. Unter dem Titel „The Secret of Secrets“ („Das Geheimnis aller Geheimnisse“) thematisiert Dan Brown die Bewusstseinsforschung – mit besonderem Blick auf Nahtoderfahrungen.
Sein in Prag angesiedelter Thriller beginnt mit dem Satz: „Ich muss gestorben sein, dachte die Frau“ – ein Prolog, in dem Brown die Todeserfahrung einer Gehirnforscherin schildert, ihre Erinnerungen an die qualvollen letzten Momente ihres Erdenlebens – und ihre außerkörperlichen Wahrnehmungen, in denen sie sich über ihrer Heimatstadt schwebend erlebt:
„Ihr Körper war nicht bei ihr. Sie hatte keine Masse, keine Form. Und doch schien der Rest von ihr, ihr wahres Ich – ihre Essenz, ihr Bewusstsein –, recht intakt und wach zu sein, während sie langsam durch die Luft in Richtung Moldau trieb.“
Die dramaturgische Meisterschaft des Autors zieht den Leser unmittelbar in ihren Bann. Dabei spielt Dan Brown mit einer zunächst übernatürlich erscheinenden Gegebenheit – indem er den „Golem von Prag“, ein aus Lehm gebildetes mystisches Wesen aus dem Mittelalter, als Mörder der Forscherin auftauchen lässt.
Erst im finalen Teil seines 800 Seiten umfassenden Romans bietet sich dem Leser eine schlüssige Antwort auf die Frage, was es mit dieser zentralen Figur auf sich hat.
Gibt es also auch für die „übernatürlichen“ Erlebnisse der Gehirnforscherin eine vernünftige Erklärung?
War es etwa eine typische Nahtoderfahrung, die ihr den Eindruck vermittelt hatte, außerhalb ihres Körpers Bewusstsein zu erleben? Eine Erfahrung, die einer gängigen Erklärung zufolge durch Sauerstoffmangel im Gehirn zustande kommt, um das Sterben zu erleichtern?
Oder erlebte sich die Frau tatsächlich losgelöst vom physischen Körper?
Im Prolog zu seinem Thriller lässt Dan Brown diese Frage offen. Der Text endet mit dem Tod der Gehirnforscherin:
„Jahrelang hatte Dr. Brigitta Gessner die Berichte ihrer Patienten über Nahtoderfahrungen belächelt. Nun ertappte sie sich dabei, wie sie darum betete, in die Reihen jener raren Seelen treten zu können, die am Rande des Abgrunds gestanden und in den Schlund des Vergessens geblickt hatten und irgendwie an der letzten Schwelle umgekehrt waren und ins Leben zurückgefunden hatten.
Ich darf nicht sterben … Ich muss die anderen warnen!
Aber sie wusste, dass es zu spät war.
Dieses Leben war vorbei.“
Mit dieser Einleitung beginnt Dan Brown nicht nur die Fäden seiner Geschichte zu knüpfen, sondern gibt auch deren Thema vor: Es geht um eine revolutionäre Theorie zum menschlichen Bewusstsein, die sich der materialistischen Auffassung, es würde im Gehirn produziert, entgegenstellt und die auch Nahtoderfahrungen sowie ähnliche spirituelle Erlebnisse in ein neues Licht rückt.
Katherine Solomon, eine alte Freundin Robert Langdons, hat in jahrelanger Forschungsarbeit eindeutige Belege dafür gefunden, dass Bewusstsein nicht lokal, also nicht an den physischen Körper gebunden ist. Doch als sie ihr Buch zu diesen Erkenntnissen veröffentlichen will, bekommt sie es mit einem mächtigen Geheimdienst zu tun, der alles unternimmt, um das Manuskript zu vernichten.
Die große Frage nach dem Warum trägt Browns Roman, der im Wesentlichen die Ereignisse eines einziges Tages schildert.
Dabei geht der Autor erfreulich in die Tiefe – nicht nur, was die detaillierte Porträtierung Prags als mystische europäische Stadt anlangt, sondern auch in den Theorien zum nicht-lokalen Bewusstsein. Diesen bietet Dan Brown in seinem Roman beachtlich viel Raum – was wohl auch auf sein persönliches Weltbild verweist.
Beispielsweise beschreibt er das von Sterbeforschern oft zitierte Gleichnis vom Gehirn als Empfangsorgan für das nicht-lokale Bewusstsein, die sogenannte „Transmissionshypothese“, der zufolge Bewusstsein vom Gehirn nicht erzeugt, sondern vermittelt wird.
In einer Szene des Buches (Kapitel 56) erklärt Katherine Solomon ihrem Verleger, Jonas Faukman, dieses Konzept:
„Die Theorie […] beruht auf der Prämisse, dass Bewusstsein nicht im Gehirn lokalisiert ist, sondern überall. Das bedeutet, dass das Bewusstsein das Universum durchdringt. Bewusstsein ist tatsächlich einer der Grundbausteine unserer Welt.
Im nicht-lokalen Modell erschafft Ihr Gehirn nicht das Bewusstsein, sondern es erlebt, was ringsum bereits existiert. […] Vereinfachend ausgedrückt interagieren unsere Gehirne mit einer existierenden Bewusstseinsmatrix. […]
Ich will versuchen, es mit einfachen Begriffen zu erklären“, sagte sie. „Sehen Sie diesen Lautsprecher?“ Sie zeigte auf ein Regal mit einem kabellosen Minilautsprecher, aus dem klassische Musik drang. „Stellen Sie sich vor, Mozart wäre in der Zeit vorwärtsgereist und säße mit uns an diesem Tisch zum Mittagessen – er wäre fassungslos, dass Musik aus einem kleinen Kästchen kommt. Zu seiner Zeit gab es keine Tonträger. Wenn er Musik hörte, waren immer Musiker präsent. Würde er diese Orchesterklänge hören, die wir jetzt hören, und diesen Lautsprecher sehen, könnte er irrtümlich annehmen, dass hinter der Wand ein Orchester verborgen ist – oder dass sich sogar ein Miniaturorchester innerhalb des Lautsprechers befindet. Für ihn wären keine anderen Erklärungen möglich. Er könnte niemals darauf kommen, dass die Musik uns in Form von Radiowellen umgibt und auf irgendeine Weise vom Lautsprecher empfangen wird. […]
Wir könnten versuchen, Mozart unsere Realität zu erklären […], aber ihm würde der nötige Bezugsrahmen fehlen, um sie zu begreifen. […] Worauf ich hinaus will: […] Wenn ich versuche, Ihnen das nicht-lokale Bewusstsein zu erklären, dann ist das ein bisschen so, als würde ich versuchen, Mozart Radiowellen begreiflich zu machen. In seiner Wirklichkeit kommt Musik ausschließlich von lebenden Musikern, die Instrumente in Echtzeit spielen, und andere Möglichkeiten existieren nicht. […] Doch in unserer Wirklichkeit sieht es anders aus. […] In der Welt nicht-lokalen Bewusstseins … existiert die Musik überall rings um uns. Unsere Gehirne stimmen sich auf sie ein und können sie hören. […]
Stellen Sie sich das Bewusstsein als eine unendliche Wolke aus Radiowellen in diesem Raum vor. Ihr Gehirn ist ein Empfänger – eingestellt auf seinen einzigartigen Sender, in diesem Fall Radio Jonas Faukman.“
Um ihrem Verleger das Konzept des nicht-lokalen Bewusstseins näher zu bringen, zeichnet Katherine Solomon in diesem Gespräch noch ein weiteres Gleichnis:
„Was, wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich sämtliche Informationen auf der Welt in einen Behälter backen könnte, der nicht größer ist als ein Satz Spielkarten? Richtig oder falsch?“
„Falsch. Um nicht zu sagen unmöglich.“
Katherine hob ihr Handy. „Es ist alles hier drin. Was wollen Sie wissen?“
„Clever …“, gab Faukman lächelnd zu. „Aber diese Informationen sind nicht im Handy. Das Gerät greift auf Daten zu, die in unzähligen Datenbanken auf der ganzen Welt gespeichert sind.“
„Genau“, sagte sie […]. „Das ist ein ausgezeichnetes Argument. Nun, was, wenn ich Ihnen sagen würde, dass sie Millionen Gigabyte an Daten speichern könnten, innerhalb eines Gewebeklumpens von etwa der Größe eines … sagen wir, eines menschlichen Gehirns?“
Faukman runzelte die Stirn. […]
„Das Konzept ist identisch“, stellte sie fest. „Die unfassbare Speicherkapazität des menschlichen Gehirns ist eine physikalische Unmöglichkeit. Es wäre damit vergleichbar, jeden Song der Welt in Ihr Handy zu stopfen. Das ergibt keinen Sinn. Es sei denn …“
„Es sei denn“, räumte Faukman ein, „das Gehirn greift auf Daten … von anderswo zu.“
„Genau.“ Kathrin lächelte. „Ihr Gehirn ist nur ein Radio – ein unglaublich kompliziertes, außerordentlich hochentwickeltes Radio –, das aus der existierenden Cloud des globalen Bewusstseins die spezifischen Signale auswählt, die es empfangen möchte. Wie ein WLAN-Signal ist das globale Bewusstsein immer vorhanden, vollkommen intakt, ob man darauf zugreift oder nicht.“
„Die Alten waren jedenfalls dieser Ansicht“, warf Langdon ein, der nun eine Vielzahl historischer Parallelen erkannte. „In fast allen spirituellen Traditionen der Welt hallt seit langem der Glaube an ein universelles Bewusstsein wider – das Akasha-Feld, das universelle Bewusstsein, das kosmische Bewusstsein und das Reich Gottes, um nur einige zu nennen.“
„Das stimmt“, rief Katherine. „Die neue Theorie hat tatsächlich Parallelen zu einigen unserer ältesten religiösen Vorstellungen.“
Dan Brown legt seiner Protagonistin aber nicht nur Gleichnisse und Theorien in den Mund, die darauf hinauslaufen, dass das Gehirn jedes Menschen aus der Gesamtheit des nicht-lokalen Bewusstseins genau das herausfiltert, was seine bewusste Individualpersönlichkeit ausmacht. Er lässt sie auch von Experimenten berichten, die zeigen, „dass sich während des Sterbens die Filter unseres Gehirns öffnen und wir zu einem Radio werden, das alle Frequenzen empfängt. Unser Bewusstsein erfährt die gesamte Realität! […] Das ist genau der Grund, weshalb Menschen, die eine Nahtoderfahrung durchleben, das Gefühl vollkommener Verbundenheit beschreiben, ein allwissendes Glück. Die Chemie beweist es!“ (Kapitel 74)
Fazit: „Alles läuft auf ein übergeordnetes Konzept hinaus […] Der Tod ist nicht das Ende. Es gibt noch viel Arbeit zu tun, aber die Wissenschaft entdeckt immer mehr Hinweise, dass es jenseits dieser Welt tatsächlich etwas gibt. Das ist die Botschaft, die wir von den Berggipfeln verkünden sollten […] Sie ist das Geheimnis aller Geheimnisse.“ (Kapitel 137)
Katherine Solomons Argumente gegen den Materialismus finden in Dan Browns Thriller keinen intellektuellen Widerpart. Dass die im Verlauf der Geschichte sehr konkret beschriebenen chemischen Vorgänge im Gehirn und deren Auswirkungen von der Fachwelt kritisch kommentiert werden, sollte nicht verwundern. Ebenso wenig, dass der vielleicht wichtigste Aspekt echter Nahtoderfahrungen – deren Nachwirkungen – im Roman keine Würdigung findet. Letztlich war dem Autor die Dramaturgie wohl wichtiger als faktische Details.
Dennoch trägt „The Secret of Secrets“ zweifellos dazu bei, das Thema Nahtoderfahrung und den damit verbundenen philosophischen Idealismus – Dan Brown verwendet dafür den Begriff „Noetik“ – populärer zu machen.
Gut möglich, dass dieser Robert-Langdon-Roman manchen Leser zu weiteren Recherchen anregt. Er könnte dann erkennen, dass sich auf den „Berggipfeln“ bereits zahlreiche Menschen tummeln – Nahtoderfahrene und Sterbeforscher –, die mit ansteckender Überzeugungskraft vom „Geheimnis aller Geheimnisse“ künden:
Der Tod ist nicht das Ende!
Literatur:
Dan Brown: The Secret of Secrets. Lübbe, Köln 2025, ISBN 978-3–7857-2770-6

