Leben nach dem Tod – eine wissenschaftliche Reise

Piero Calvi Parisetti im Gespräch

Piero Calvi Parisetti befasst sich als „Klinischer Parapsychologe“ mit den Zusammenhängen zwischen außergewöhnlichen Erlebnissen und (psychischer) Gesundheit. Er ist Autor des Buches „Beyond Space and Time“ („Jenseits von Raum und Zeit“), das 50 wissenschaftliche Arbeiten zu Phänomenen vorstellt, die der Parapsychologie zugerechnet werden: Telepathie, Präkognition, Psychokinese und Fernwahrnehmung. 

Parisettis Buch zeigt, wie die in den Natur- und Sozialwissenschaften angewandten Methoden auch zur Untersuchung der Hypothese genutzt werden, dass die menschliche Persönlichkeit den Tod des physischen Körpers überlebt. Viele Forschungsergebnisse sprechen dafür.

Piero Parisetti befasste sich auch eingehend mit Nahtoderfahrungen und ähnlichen Erlebnissen. Er hat mit Raymond Moody, Federico Faggin und vielen anderen zusammengearbeitet und sagt: „Ich bin aufgrund von Beweisen rational davon überzeugt, dass das Bewusstsein den physischen Tod überdauert.“

Lesen Sie hier die Zusammenfassung eines Gesprächs, das Vera Spillner mit Piero Calvi Parisetti geführt hat. Sie ist Physikerin, promovierte Philosophin und Professorin an der Hochschule der Medien in Stuttgart, arbeitet zu den Grenzbereichen von Bewusstsein, Ethik und Wissenschaft und ist auch im erweiterten Vorstand des „Netzwerks Nahtoderfahrung e.V.“ aktiv.

Piero, Doktor Parisetti, ich freue mich sehr darauf, heute mit Ihnen über außergewöhnliche Erfahrungen, Bewusstsein, Trauer und natürlich auch über die Frage sprechen zu können, was nach nach dem Tod geschieht. Davor aber möchte ich Sie bitten, etwas über sich selbst, Ihren beruflichen Hintergrund und Ihren Werdegang zu erzählen, und wie Sie dazu gekommen sind, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen.

Parisetti: Vielen Dank, es ist mir auch eine große Freude. Aber bitte lassen wir die Ehrenbezeichnungen beiseite. Ich bin einfach nur ein Glückspilz, dem es gelungen ist, seinen großen Interessen im Leben mit einem gewissen Erfolg nachzugehen. Ich betrachte mich nicht als wichtig. 

Ich bin in Italien geboren, aber ich lebe seit 35 Jahren nicht mehr dort. Ursprünglich habe ich Medizin studiert und mich auf öffentliche Gesundheit spezialisiert, weil ich im humanitären Bereich arbeiten wollte, was ich zu Beginn meiner Karriere einige Jahre lang sehr gerne getan habe.

Nach einer eher unglücklichen Zeit bei den Vereinten Nationen in New York wechselte ich dann von der operativen Arbeit in den Hörsaal und begann meine akademische Laufbahn als Dozent für öffentliche Gesundheit und Katastrophenmanagement, eine Tätigkeit, die ich bis 2017 ausgeübt habe. Als westlich ausgebildeter Arzt bin ich in einem intellektuellen Umfeld aufgewachsen, das stark vom Materialismus und Physikalismus geprägt war, und ich hatte nie einen Grund, dies infrage zu stellen.

Aber eines Tages im Jahr 2004 – wir lebten damals in Genf in der Schweiz – erzählte mir meine liebe Frau Angela bei einer Tasse Tee eine unheimliche Geschichte, die ihr als Teenager in Glasgow widerfahren war. Sie ist Schottin. Es war eine dieser Geschichten, bei denen ich, hätte sie mir irgend ein anderer Mensch erzählt, nur höflich gelächelt und mir gedacht hätte: Was soll dieser Unsinn? 

Aber ich merkte, dass Angela nach all den Jahren immer noch etwas mitgenommen war. Und sie ist die Person, die ich am besten kenne und der ich am meisten vertraue. Ich dachte also in meiner damaligen Haltung: Mal sehen, ob zu diesem vermeintlichen Unsinn etwas Ernsthaftes publiziert worden ist. Und kaum hatte ich angefangen zu suchen, stieß ich auf die 575 Seiten von David Fontana, der leider vor mehreren Jahren verstorben ist. Er war ein hochangesehener Professor für transpersonale Psychologie in Großbritannien, Gründer der transpersonalen Sektion der British Psychological Society – also ein Akademiker mit unbestrittener Qualifikation und Reputation. Das hat mich dazu angeregt, meine Skepsis zu überwinden. Der Titel des Buches lautet: „Is There An Afterlife?“ – Gibt es ein Leben nach dem Tod? Eine umfassende Überprüfung der Beweislage.

Nun ja. Bis heute folgten auf diese knapp 600 Seiten weitere rund 30.000, und ich spreche hier nicht nur von Anekdoten, sondern auch von zahlreichen Untersuchungen und von streng wissenschaftlicher Literatur. Ich wurde Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Fachorganisationen wie der IANDS (International Association for Near-Death Studies), der Society for Psychical Research und der Parapsychological Association, dem Dachverband einiger hundert akademischer Parapsychologen weltweit.

Ich besuchte Konferenzen, ich nahm an Studientagen teil, ich schleppte mich sogar ins ländliche Alabama, um persönlich mit Raymond Moody zu trainieren. Es ging um seine Psychomanteum-Technik. Und ich bin letztlich so tief in die Materie eingetaucht, dass ich irgendwann sogar meine akademische Laufbahn gewechselt habe. Ich habe umgesattelt und an der Universität Northampton mit einer Dissertation über klinische Parapsychologie promoviert.

Ein klinischer Parapsychologe ist jemand, der den Zusammenhang zwischen außergewöhnlichen Erlebnissen und Gesundheit erforscht. Dieser Zusammenhang ist wechselseitig, denn wir wissen, dass diese außergewöhnlichen Erlebnisse oft einen erheblichen Einfluss auf die psychische Gesundheit haben.

Heute befinde ich mich im selben Boot wie alle meine Kollegen aus der akademischen Parapsychologie und kämpfe um Forschungsgelder. Ich hoffe daher, dass einige meiner kürzlich eingereichten Projektanträge bewilligt werden, damit ich weiterhin als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Northampton tätig sein kann. So sieht mein Leben momentan aus. Und ich betrachte es als ein großes Glück ist, solche wissenschaftlichen und intellektuellen Interessen auf diesem Niveau pflegen zu können. Das ist es also, was ich heute tue.

Sie erwähnten einen Zusammenhang zwischen Gesundheit und außergewöhnlichen Erlebnissen. Worin besteht dieser Zusammenhang? Wie kamen Sie zu dieser Vermutung?

Parisetti: Es handelt sich um keine Vermutung oder Meinung, sondern um einen empirischen Befund. Es ist eine Tatsache, man muss sich nur die Daten dazu ansehen.

Fangen wir mit einer Definition von „außergewöhnlicher Erfahrung“ an. Die Parapsychologie untersucht, allgemein verständlich ausgedrückt, menschliche Erfahrungen, die scheinbar der Art und Weise widersprechen, wie wir erwarten, dass die Welt funktioniert.

Das Prinzip der Kausalität besagt beispielsweise, dass eine Wirkung niemals einer Ursache vorausgehen kann. Normalerweise folgt auf eine Ursache die Wirkung. So stellen wir uns die Funktionsweise der Welt vor. Doch es gibt unzählige empirische Belege, sowohl aus natürlichen Umgebungen als auch aus streng kontrollierten Laborversuchen, die zeigen, dass Menschen bewusst oder unbewusst Ereignissen gewahr werden können, die noch nicht eingetreten sind. Das ist ein eklatanter Verstoß gegen das Kausalitätsprinzip

Die Erforschung von außergewöhnlichen Phänomenen wie Präkognition und Vorahnung zählt also zu den Forschungsbereichen der Parapsychologie.

Ein weiteres Prinzip besagt – und das ist entscheidend für unser heutiges Gespräch –, dass das, was wir Geist nennen, nichts anderes ist als die elektrochemische Aktivität des Gehirns.

Das Gehirn bringt den Geist hervor …

Parisetti: Richtig. Der Austausch chemischer Botenstoffe, Neurotransmitter, ist demnach gleichzusetzen mit dem Geschmacksempfinden von Schokolade. Eine Annahme, die ich, philosophisch gesehen, ungeheuerlich dumm finde, aber das ist die Folgerung aus diesem Prinzip. 

Und wenn der Geist vom Gehirn erzeugt wird, wenn der Geist nichts anderes ist als das Gehirn, dann folgt daraus, dass der Geist aufhört zu existieren, wenn das Gehirn aufhört zu funktionieren. Aber es gibt einige Erkenntnisse aus der Parapsychologie, die etwas anderes nahelegen.

Die einzige Schlussfolgerung, die ein seriöser, unvoreingenommener Forscher, der sich wirklich mit den Beweisen auseinandersetzt, meiner Meinung nach ziehen kann, ist, dass wesentliche Aspekte der menschlichen Persönlichkeit auf eine uns unbekannte Weise den Tod des physischen Körpers überdauern. Dabei halte ich nichts von Erklärungsversuchen. Ich sage immer „auf eine uns unbekannte Weise“. Ich bin Empiriker, Experimentalwissenschaftler und Kliniker. Es geht mir nicht darum, Theorien aufzustellen. Aber ich kann nach bestem Wissen und Gewissen sagen, dass ich aufgrund von Beweisen rational davon überzeugt bin, dass der Geist den physischen Tod überdauert.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Argumente oder Belege für das Überleben des Geistes?

Parisetti: Darüber könnten wir eine ganze Woche lang sprechen, denn es gibt ein Meer von Belegen. Es mag andere Herangehensweisen geben, aber ich selbst habe zwölf verschiedene, voneinander unabhängige und sehr unterschiedliche Beweisbereiche identifiziert – was an sich schon für die Stärke der Argumente spricht.

Und innerhalb dieser Bereiche betrachte ich als die wichtigsten drei Säulen: Nahtoderfahrungen, Medialität – also das, was wir fachsprachlich als „anomalen Informationsempfang“ bezeichnen – und Reinkarnationsforschung.

Nahtoderfahrungen sind bekannt, aber ich möchte in diesem Zusammenhang betonen: Ehe es darum geht, auf ein Fortbestehen der Persönlichkeit nach dem körperlichen Tod zu schließen, sollte klar sein, dass Nahtoderfahrungen völlig unvereinbar mit dem Paradigma „Geist = Gehirn“ sind. Wenn die Schilderungen Nahtoderfahrener wahr sind, dann ist Geist zwangsläufig mehr als das Gehirn. Und das ist eine fundamental wichtige Schlussfolgerung, die sehr nahe liegt, wenn man sich die Wissenschaftler ansieht, die ihr Leben der Erforschung dieses Phänomens gewidmet haben. Sie sind ausnahmslos alle davon überzeugt, dass Nahtoderfahrungen stark auf ein Leben nach dem Tod hindeuten. Selbst Sam Parnia – der, ich würde nicht sagen, unentschlossen, aber doch etwas zurückhaltender als andere war – vertritt in seinem neuesten Buch klar die Überlebenshypothese.

Mit Medialität meinen wir die Fähigkeit von Forschungsmedien – auf diesen Begriff werde ich noch kurz eingehen –, genaue und spezifische Informationen – das ist zweierlei – über eine Persönlichkeit zu liefern, über die sie nichts wissen, und zwar ohne jeglichen Kontakt zu dem sogenannten „Sitter“, also zu der Person, die die Informationen anfordert.

Zur Medialität möchte ich anmerken: Nach fast 25 Jahren in diesem Bereich bin ich zu dem traurigen Schluss gekommen, dass die allermeisten, die sich Medien nennen, in Wirklichkeit keine Gabe besitzen. Ich spreche nicht von Scharlatanen oder Profitmachern, nein, viele Menschen täuschen – meist in guter Absicht – sich selbst und ihre Klienten. In Wirklichkeit besitzen sie keine Gabe. 

Es gibt nur eine kleine Minderheit von Menschen, die wirklich eine solche Gabe haben. Und es gibt eine winzige Minderheit, vielleicht weniger als zwei Dutzend Menschen weltweit, die über eine außergewöhnliche, spektakuläre Gabe verfügt. Wir wissen nicht, warum diese Gabe so ungleich verteilt ist, aber es ist nun mal so. Die beiden letztgenannten Kategorien, die guten und die außergewöhnlichen Medien, sind Forschungsmedien, da viele von ihnen so freundlich waren, sich Laborexperimenten zu unterziehen. Heute liegen 14 Replikationen von mehrfach verblindeten Studien vor, unabhängig voneinander durchgeführt in verschiedenen Laboren von unterschiedlichen Forschern. 

Die maximale Verblindung hat fünf Stufen, ein fünffach verblindetes Protokoll. Das heißt, es gibt fünf Trennungsebenen zwischen dem „Sitter“, der Informationen erhalten möchte, und dem Medium, das diese übermittelt. Vor einigen Jahren wurde eine Metaanalyse dieser 14 Studien durchgeführt, und die Ergebnisse sind eindeutig. Die Effektstärke ist klein bis mittel, aber der p-Wert ist astronomisch hoch. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Ergebnisse zufällig entstanden sind, ist verschwindend gering.

Sie sprechen von Studien, die tatsächlich existieren und die sich jeder ansehen kann, der aufgeschlossen ist, recherchieren und sich mit dem Thema auseinandersetzen will …
[Anmerkung: Links dazu finden Sie am Ende des Beitrages]

Parisetti: Ich möchte noch etwas anmerken: Neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Forscher bin ich, insbesondere in meiner Heimat Italien, auch zu einer Person des öffentlichen Lebens geworden. Ich bin durch meine Äußerungen eine sehr, sehr, sehr kleine Berühmtheit geworden.

Deshalb sehe ich mich aus intellektueller Redlichkeit verpflichtet, meine Aussagen zu untermauern und ihnen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Ich präsentiere keine eigenen Theorien. Ich präsentiere, wie es ein Universitätsdozent tut, die von anderen erbrachten Erkenntnisse. Wir systematisieren und präsentieren. 

Um meine Ausführungen über übersinnliche Kräfte und Überleben zu untermauern, habe ich letztes Jahr ein Buch veröffentlicht, das meines Erachtens ziemlich einzigartig ist, da es eine systematische Übersicht von 50 Fachartikeln darstellt – sowohl die Beschreibung des Fünffachblindprotokolls als auch die Metaanalyse. Aber diese 50 Artikel sind wirklich herausragend, ich meine, wir sprechen hier von Veröffentlichungen in Fachzeitschriften wie „Nature“, „Physics Review B“ oder „Proceedings of the IEEE“.

Es geht also um führende Fachzeitschriften, die begutachtete Artikel zur Parapsychologie veröffentlicht haben. Ein wissenschaftlich orientierter Mensch, der die Grundlagen der Statistik versteht und für das Thema offen ist, sollte sich also damit auseinandersetzen. Ich möchte mit dem Buch zeigen, dass die Methoden der Natur- und Sozialwissenschaften seit 150 Jahren zur Untersuchung außergewöhnlicher Erfahrungen und des Überlebens der Persönlichkeit eingesetzt wurden.

Jeder, der wissenschaftlich interessiert ist und die Ergebnisse überprüfen möchte, ist also herzlich dazu eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen.

Parisetti: Ja, aber ich würde sagen: Zuerst sich gründlich informieren und erst dann sich ein Urteil bilden! Vor einer Diskussion würde ich einige Fragen auf Bachelor-Ebene stellen. Wer sie beantworten kann, darf gerne mitsprechen. Denn oftmals begegnen wir Kritikern und Leuten, die debattieren wollen, aber die Grundlagen nicht kennen. Sie kennen die Fakten nicht, und sie wissen auch nichts über die Methoden, die wir tagtäglich anwenden …

… und dann driftet die Diskussion in eine eher religiöse oder meinungsbetonte Richtung ab, was eigentlich niemand will, weil es uns nicht weiterbringt, richtig?

Sie sprachen von drei Hauptpfeilern, auf denen Ihre Überzeugung beruht, dass der Geist weiterbesteht. Sie erwähnten bisher Nahtoderfahrungen und Medialität …

Parisetti: Der dritte Bereich sind Reinkarnationsstudien. Sie beziehen sich auf Fälle, wie sie zunächst von Professor Ian Stevenson untersucht wurden, Fälle, die auf Reinkarnation hinweisen. Heute ist damit die Abteilung für Wahrnehmungsstudien der Universität von Virginia befasst. Wir verfügen über eine Datenbank – genauer gesagt, über ein physisches Archiv – mit zahlreichen Dokumenten zu etwa 2.500 Fällen, die größtenteils von uns, aber auch von anderen Wissenschaftlern weltweit zusammengetragen wurden. Darunter beispielsweise von dem bekannten Reinkarnationsforscher Erlendur Haraldsson von der Universität Island. Diese Fälle beziehen sich auf das Phänomen, dass Kinder, sobald sie mit etwa zwei bis zweieinhalb Jahren zu sprechen beginnen, von einem anderen Leben erzählen.

Es gab beispielsweise einen berühmten Fall in Schottland. Ich spreche ihn an, weil oft behauptet wird, solche Erzählungen seien nur aus Indien bekannt. Das stimmt keinesfalls, sie wurden auf allen Kontinenten der Welt dokumentiert.

Der Fall des kleinen Callum ist bezeichnend, denn dieses Kind wurde in einem wirklich rauen Viertel von Glasgow von seiner alleinerziehenden Mutter geboren. Es war ein hartes Leben, ein Kind in dieser Gegend von Glasgow als alleinerziehende Mutter großzuziehen … Die Frau hatte es schwer.

Und dann, als Callum zu sprechen beginnt, erzählt er seiner völlig verblüfften und bestürzten Mutter, dass sie gar nicht seine Mutter sei. „Meine Mutter ist in Barra. Und auch mein Vater ist von dort.“

Barra ist eine winzige Insel in den westlichen Hebriden, die ich vor Jahren mit meiner Frau besucht habe. Wir konnten damals genau nachvollziehen, was Callum erzählt hat. Wir wohnten in einem weißen Haus am Strand. Und von meinem Fenster aus konnte ich die Flugzeuge starten und landen sehen.

Mit einem solchen Flugzeug sind meine Frau und ich von der Isle of Barra zurückgeflogen. Das Erlebnis war außergewöhnlich. Wie konnte sich der kleine Callum, der in Glasgow aufgewachsen und wahrscheinlich nie sein Viertel verlassen hatte, dieses weiße Haus am Strand ausmalen, von dem aus er ein Flugzeug sehen konnte?

Ja, vor allem die Sache mit dem Flugzeug ist kurios. Wer sich für solche Fälle interessiert, findet dazu viele Videos auf YouTube. Manche Fälle sind wirklich bedeutsam, denn sie enthalten so spezifische Details, dass man sie recherchieren und ihre Richtigkeit bestätigt finden kann.

Parisetti: Die Vermutung, solche Erinnerungen seien nur erfunden, ist jedenfalls schwer zu akzeptieren. Ich bin kein Experte für Reinkarnation, aber wie jeder, der sich für diese Dinge interessiert, habe ich viel darüber gelesen.

Warum? Weil außergewöhnlichen Erlebnisse und gesundheitliche Aspekte zusammenhängen – womit wir wieder zu diesem Thema zurückkehren können. Denn bei solchen Erinnerungen handelt es sich ganz offensichtlich um außergewöhnliche Erlebnisse mit gesundheitlichen Folgen.

Die Kinder sind durch ihre Erinnerungen stark belastet. Sie fühlen sich fremd in ihrer Lebensrealität. Und die Familien sind oft verzweifelt, weil sie nicht wissen, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen.

Es entsteht eine extrem angespannte und stressige Situation. Und wenn Familien versuchen, die Erinnerungen des Kindes zu verdrängen, was in vielen Fällen geschieht, kann das zu einem zusätzlichen Trauma führen. Es ist eine echte Zwickmühle, eine chaotische Situation.

Wenn die Familie hingegen den beharrlichen Bitten des Kindes nachgibt und die vermeintliche frühere Familie zu kontaktieren versucht, Menschen, die oft weit entfernt leben, unter anderen Bedingungen, die aus anderen sozialen Schichten stammen, andere Berufe ausüben … einfach alles ist anders …, dann kann sich das Kind gewissermaßen beruhigen und seine doppelte Zugehörigkeit, sein Bedürfnis, gegenüber zwei Familien loyal zu sein, besser bewältigen. 

Aber ob man nun versucht, die Erinnerungen zu verdrängen oder sie irgendwie zulässt, verblassen sie in den meisten Fällen doch im Alter von etwa sieben bis neun Jahren.

Warum, glauben Sie, ist das so?

Parisetti: Ich habe wirklich keine Erklärung dafür. Aber um es genauer zu sagen: Die Erinnerung verblasst nicht in allen Fällen. Es gibt Erwachsene, deren Erinnerungen genauso lebhaft und authentisch sind wie sie es in ihrer Kindheit waren.

Wenn man sich ein wenig mit dieser Richtung beschäftigt, findet man Leute, die beispielsweise durch Hypnose herauszufinden versuchen, wie ihr früheres Leben ausgesehen hat. Solchen Versuchen stehen allerdings viele sehr kritisch gegenüber. Sie sagen, es sei sehr schwer, zwischen wahren und falschen Erinnerungen zu unterscheiden, denn, wie wir aus Kriminalfällen oder Studien wissen, in denen Menschen zu Ereignissen aus der Vergangenheit befragt wurden, Erinnerungen können sich verändern, sie können verschwimmen oder sich mit Gelesenem oder Gehörtem vermischen. Man glaubt, es sei die eigene Erinnerung, aber vielleicht stimmt das nicht. Können Sie uns etwas über die Reinkarnationserinnerungen Erwachsener erzählen?

Parisetti: Zunächst: Ich bin selbst bin ebenfalls kritisch, auch Professor Ian Stevenson, der Pionier dieser Forschung an Kindern, war skeptisch. 

Fest steht: Es sind keine Mechanismen bekannt, mit denen Kindern solche Erinnerungen eingepflanzt werden könnten. Und es gäbe auch keine Motivation dafür, es wäre unzweckmäßig. Die Erinnerungen führen dazu, dass sich das Kind schlecht fühlt. Sie stressen die Familie und bieten keinerlei Vorteile.

Andererseits wird, wie Sie es ja erwähnt haben, oft versucht, mit Hilfe von Regressionshypnose Beweise für Reinkarnation zu finden. Doch schon zu Stevensons Zeiten war den Forschern klar, dass das nicht so einfach ist. Denn dabei können Erinnerungen erzeugt werden, die als real wahrgenommen und erlebt werden, es aber tatsächlich nicht sind. Und selbst diese eingebildeten Ereignisse können ein posttraumatisches Belastungssyndrom auslösen, so eindringlich und real werden sie wahrgenommen.

Wenn ich also von Erwachsenen spreche, die sich ihre Kindheitserinnerungen bewahrt haben, dann meine ich nicht Menschen, die angeblich in ihre Kindheit zurückversetzt wurden und sich an Dinge erinnern.

Ich spreche von Kindern, die sich an Details aus einem früheren Leben erinnern und diese Erinnerungen behalten haben. Sie sind bei ihnen also im Alter von sieben bis neun Jahren nicht verblasst, sondern haben sie bis ins Erwachsenenalter begleitet – was allerdings ungewöhnlich ist. 

Ein Beispiel dafür ist ein englischer Hausmeister, der sich an erstaunliche Details aus einem früheren Leben in Petra in Jordanien erinnerte, vor etwa 3000 Jahren. Seine Angaben wurden von Archäologen, die sich mit den Ruinen beschäftigen, untersucht.

Ich erinnere mich an das Zitat eines Archäologen, der sagte, es sei völlig unmöglich, dass diese Person von beschränkter Intelligenz, ohne jegliche Bildung und ohne jemals gereist zu sein, diese Details über das Leben in Petra und die damaligen Geschehnisse dort erlangt haben könnte. Das ist ein interessanter Fall.

Aber er hat nichts mit den Untersuchungen auf forensischem Level zu tun, die Forscher in Fällen von Reinkarnation bei Kindern durchführen.

Nehmen wir zum Beispiel „20 Fälle, die auf Reinkarnation hindeuten“, das erste wissenschaftliche Buch zu diesem Thema von Ian Stevenson aus dem Jahr 1974. Es ist ein sehr umfangreiches Werk und dazu noch unerträglich langweilig. Seitenweise sind Tabellen angeführt, in denen Details über das Kind, Quellen zur Bestätigung und alles Mögliche mit Namen und Unterschriften nachzulesen sind – fast wie in der Forensik, um sicherzustellen, dass diese Erinnerungen tatsächlich begründet sind und das Kind sie nicht auf anderem Weg erlangt haben kann.

Das ist schon überaus interessant.

Ihr Spezialgebiet sind außergewöhnliche Erlebnisse und deren Einfluss auf die Gesundheit. Gibt es dazu noch etwas Wichtiges, das Sie sagen möchten? 

Parisetti: Wir haben schon kurz über Nahtoderfahrungen gesprochen, also über einen Zustand, in dem es zwar nicht immer, aber sehr oft zu einer starken Verschlechterung des Gesundheitszustands und in vielen Fällen zum Erliegen der elektrochemischen Hirnaktivität kommt. Und ich betone: zum Erliegen, denn 20 Sekunden nach einem Herzstillstand existiert keine relevante Gehirnaktivität mehr. Punkt.

Und diejenigen, die sagen: „Aber es feuern doch noch ein paar Neuronen“, sollten sich bitte die Pathophysiologie des Herzstillstands und den Ablauf der Ereignisse ansehen. Ich sage immer: Wenn der Würgereflex und der Kornealreflex, die ihren Ursprung auf dieser Ebene des Hirnstamms haben, ausgeschaltet sind, dann bedeutet das, dass alles darüber Liegende nicht mehr funktioniert. Es findet keine Hirnaktivität statt, aber trotzdem berichten Menschen von Erlebnissen. Allein die Tatsache, dass sie Erinnerungen an ein Erlebnis haben und diese festhalten, ist außergewöhnlich.

Ein weiteres Beispiel für außergewöhnliche Erlebnisse im Zusammenhang mit Erkrankungen sind die „Telepathy Tapes“. Ich weiß nicht, wie bekannt sie sind, aber es handelt sich um eine  hervorragend produzierte Podcast-Reihe.

Die Untersuchungen finden in einem natürlichen Umfeld, also nicht unter Laborbedingungen statt. Aber soweit ich es beurteilen kann – es gibt ja den Podcast und die dazugehörigen Videos –, sind die Bedingungen sehr gut kontrolliert, vielleicht nicht hundertprozentig wasserdicht, aber alles deutet auf ein echtes Phänomen hin: Autistische, nicht-kommunikative Kinder scheinen eine erstaunliche telepathische Verbindung zu ihrer Mutter zu haben. Es gibt Kinder und Jugendliche, die nicht sprechen können. Wenn sie kommunizieren, tun sie dies ausschließlich über ein Tablet, mit dem sie Buchstaben auswählen und selbst sehr komplexe Zeichenketten bilden können – eine äußerst komplexe Kommunikationsform. 

Der typische Versuchsaufbau sieht so aus: Die Mutter befindet sich in einem Raum und betrachtet ein Bild, während das Kind in einem anderen Raum, getrennt von der Mutter und ohne Kommunikation, gebeten wird, das Bild zu beschreiben. Die Ergebnisse sind schlichtweg verblüffend.

Auch hier gibt es einen Zusammenhang zwischen einer Erkrankung, nämlich nicht-kommunikativem Autismus, und außergewöhnlichen Erfahrungen.

Wenn wir aus diesen Beispielen – Nahtoderfahrungen und Autismus – einen etwas verallgemeinernden Schluss ziehen wollten, gibt es diesen Zusammenhang: Bei geringerer Gehirnaktivität kann das Geistige stärker durchkommen?

Parisetti: Darauf könnte es hinauslaufen. Auch wenn eine echte Schlussfolgerung nicht möglich ist, glauben viele von uns an diesen Zusammenhang.

Ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel, das die „Filtertheorie“ stützt, also die Vorstellung, dass das Gehirn eine Art Umformer, „Wandler“ ist …

Ein Empfänger von Bewusstsein …

Parisetti: Ein Wandler, weil das Gehirn nicht nur von der „Außenwelt“ empfängt, sondern auch sendet. Einige Informationen aus der sogenannten materiellen Welt werden „dorthin“ – wo auch immer diese Welt sein mag – übermittelt.

Ein normal funktionierendes Gehirn ist demnach ein stark filternder Wandler, der nur einen kleinen Teil der verfügbaren Informationen durchlässt. Ich formuliere das sehr allgemein, weil es nur eine Idee ist, keine richtige Theorie, aber mir gefällt sie.

Auf der Konferenz der Parapsychologischen Vereinigung in Freiburg tauchte im letzten Sommer Morris Freedman auf, ein akademischer Neurologe. In seiner Arbeit hatte er festgestellt, dass Menschen mit Läsionen in einem bestimmten Bereich des präfrontalen Cortex an der linken Seite häufiger von außergewöhnlichen Erlebnissen berichten. Das weckte Morris’ Neugier, denn wir verfügen über eine bekannte und sehr wirksame Methode, die Aktivität dieses speziellen Hirnareals vorübergehend und reversibel zu hemmen, durch magnetische Stimulation. Er entwickelte also ein sehr gutes Protokoll für ein präkognitives Ganzfeld-Experiment. Und seine Teilnehmer schnitten dabei besser ab, wenn dieser Bereich durch transkranielle Magnetstimulation, genauer gesagt durch Inhibition, gehemmt wurde.

Man verursacht also vorübergehend sozusagen eine Hirnläsion, und die Menschen schneiden bei außergewöhnlichen Erlebnissen besser ab!

Können Sie ein Beispiel dafür nennen, welche Art von außergewöhnlichem Erlebnis für diese Menschen leichter zu erzielen war?

Parisetti: Er testete ausschließlich die Ganzfeld-Präkognition. Ganzfeld-Experimente sind vermutlich die am häufigsten replizierten Experimente in der Geschichte der Parapsychologie, da es sich um ein sehr bewährtes Protokoll handelt, das bekanntermaßen konsistente Ergebnisse liefert. Ein typisches Ganzfeld-Experiment testet Telepathie. Dabei befindet sich in einem abgetrennten und isolierten Raum oder Laborbereich ein Forschungsassistent, der ein vom Computer zufällig aus einer großen Auswahl an Videos ausgewähltes Video ansieht.

In einem anderen Raum des Labors befinden sich die Studienteilnehmer. „Ganzfeld“ bedeutet „ganzes Feld“. Der Begriff bezieht sich darauf, dass die Probanden Tischtennisbälle vor den Augen tragen, wodurch ein sehr gleichmäßiges rotes Lichtfeld entsteht, das einen rötlich-ockerfarbenen Schimmer annimmt.

Die Versuchsteilnehmer tragen einen Kopfhörer und hören weißes Rauschen. Dadurch werden sie in einen entspannten Zustand versetzt, der in den 1970er-Jahren als sehr leistungsfördernd galt. Und das hat sich tatsächlich bestätigt. 

Während die Person also etwa 20 oder 30 Minuten lang in diesem Feld entspannt im Stuhl sitzt, wird sie gebeten, ihre Meditation zu beschreiben, über ihre Gedanken zu sprechen, einfach verbal, und all das wird aufgezeichnet.

Am Ende der Sitzung werden der Person vier Videos gezeigt, und sie wird gebeten, dasjenige auszuwählen, von dem sie glaubt, dass der Forschungsassistent es sich angesehen hat.

Wenn die Teilnehmer nur zufällig richtig antworten würden, läge die Trefferquote bei 25 %.

Aber in der Literatur finden sich Zehntausende von Einzelstudien, und alle Metaanalysen zeigen übereinstimmend eine Trefferquote von 33%!

Addiert man die Anzahl der Versuche und die Effektstärke, erhält man einen extrem hohen p-Wert!

Das Ergebnis der Hemmung des Frontallappens war also im Grunde, dass dieser Prozentsatz sogar noch steigt, sobald ein Teil des Gehirns gehemmt wird.

Parisetti: Aber nicht nur das. Was ich soeben beschrieben habe, ist das normale Ganzfeld-Experiment. Eine Variante, die in letzter Zeit sehr populär geworden ist, ist das Ganzfeld-Präkognitions-Verfahren. Dabei wird das Zielvideo erst nach Abschluss des Experiments vom Computer zufällig ausgewählt.

Wenn der Teilnehmer also beschreibt, was er sieht oder was als Nächstes kommt, ist das Video noch nicht einmal vom Computer ausgewählt, geschweige denn vom Forschungsassistenten angesehen worden.

Solche Auswahlverfahren zwischen mehreren Videos finden regelmäßig statt. Aber wenn man die Gedankengänge der Teilnehmer analysiert, erhält man ein noch weitaus vielschichtigeres und nuancierteres Bild. 

Mit der Auswertung der qualitativen Daten sind unabhängige Gutachter befasst, die die Aussagen der Teilnehmenden einem der vier Zielvideos zuordnen.

Caroline Watt ist die ehemalige Leiterin der Koestler-Parapsychologie-Abteilung in Edinburgh. Dort haben die meisten der heute weltweit führenden Experten, darunter auch mein eigener Abteilungsleiter, Chris Roe, studiert. Caroline ist also eine Koryphäe. Und sie präsentierte vor kurzem in Porto zwei Wiederholungen einer Ganzfeld-Präkognitionsstudie, die nach dem Open-Science-Protokoll durchgeführt wurde. Und diese beiden Studien sind nach Ansicht vieler Beobachter methodisch die besten, die je durchgeführt wurden, die besten Experimente in der gesamten Geschichte der Parapsychologie. Die methodische Exzellenz stellt die überwiegende Mehrheit der Experimente in allen anderen wissenschaftlichen Disziplinen in den Schatten!

Der Einfluss außergewöhnlicher Erlebnisse auf die psychische Gesundheit wird auch bei Nachtodkontakten deutlich.

Parisetti: Studien zeigen, dass 40 bis 80 Prozent der Angehörigen, die einen geliebten Menschen verloren haben, sozusagen sinnliche Erfahrungen mit dem Verstorbenen machen. Sie erleben spontan eine Präsenz des Verstorbenen.

Wenn man diese Erlebnisse einfach akzeptiert, haben sie einen großen Einfluss auf den Trauerprozess. Alle Forschungsergebnisse zeigen, dass sie äußerst hilfreich sind. Werden sie jedoch aus religiösen Gründen abgelehnt, etwa nach dem Motto „Meine Religion sagt, das sei der Teufel“, oder werden sie pathologisiert – „Oh nein, bloß nicht daran denken, sonst verlierst du den Verstand!“ –, dann belasten und behindern sie den Trauerprozess.

Im Wesentlichen zeigen viele dieser Erfahrungen, wie beispielsweise Nahtoderfahrungen, ein durchgängiges Muster sehr positiver psychologischer und Verhaltensänderungen. Es ist, als hätten die Menschen alle einen bestimmten Prozess durchlaufen und gingen daraus mit ähnlichen Folgen hervor. 

Diese Veränderungen fördern die psychische Gesundheit erheblich, aber nur, wenn sie integriert, akzeptiert und in ein Weltbild eingebunden werden.

Als Therapeuten müssen wir daher ein Bewusstsein für diese Erfahrungen schaffen und erklären, worum es sich handelt, damit Betroffene sie leichter akzeptieren können. Denn wenn sie sie akzeptieren – und das dauert oft einige Jahre –, treten die Veränderungen ein und die Lebensqualität und die psychische Gesundheit verbessern sich sprunghaft.

Auf der IANDS-Konferenz 2025 in Chicago gab Bruce Greyson einen sehr interessanten Überblick über eine Studie, die er durchgeführt hatte und die genau in diese Richtung geht. Er untersuchte die langfristigen Auswirkungen von Nahtoderfahrungen auf das Leben der Betroffenen.

Und was mich als Physikerin so fasziniert, ist, dass diese Erfahrungen in keiner Weise mit Traumeffekten, Halluzinationen, Drogenerfahrungen oder DMT-Erfahrungen vergleichbar sind. Wie Sie sagten, ist es wie ein Prozess, aus dem jeder Mensch in ähnlicher Art und Weise hervorgeht – unabhängig von Kultur, Alter oder Religion. Dies geht aus dieser Studie, zahlreichen Büchern und Interviews mit Betroffenen hervor. Man verändert sich auf ethische Weise. Man möchte bewusster, rücksichtsvoller und achtsamer im Umgang mit anderen sein. 

Hingegen äußert sich eine Nahtoderfahrung nie so, dass man plötzlich mehr Geld verdienen möchte oder Ähnliches. Oder dass man äußerlich etwas aus seinem Leben machen möchte, die Welt bereisen oder so.

Was sich beständig zeigt, ist eine Veränderung des ethischen, moralischen Systems. Und diese Veränderung ist schlüssig und verläuft stets auf dieselbe Weise.

Die Menschen verlieren auch ihre Angst vor dem Tod. Sie haben das Gefühl, dass alles miteinander verbunden ist und dass das Leben einen Sinn hat. Selbst Menschen, die einen Suizidversuch unternommen haben und gerettet wurden, haben nach ihrer Nahtoderfahrung in der Regel keine Suizidgedanken mehr, weil sie das Gefühl haben, dass ihr Leben einen Sinn hat und dass es nicht in ihrer Macht steht, den Zeitpunkt ihres Todes zu bestimmen.

Das ist also ein sehr konsistentes Muster. Und ich persönlich finde das interessant und sehr relevant, weil es einmal mehr zeigt, dass sich dies deutlich von den anderen hirnbezogenen Phänomenen unterscheidet, die wir als Menschen erleben.

Parisetti: Völlig richtig. Und all das sind gesundheitlich relevante Folgen, klinische Indikatoren für eine bessere psychische Gesundheit. Psychometrische Untersuchungen zeigen, dass es den Betroffenen nach ihrer Erfahrung besser geht.

Ich würde jetzt gerne mit Ihnen einen Blick in die mögliche Zukunft unseres Weltbildes werfen und über Bernardo Kastrup, Federico Faggin und den philosophischen Idealismus sprechen, weil ich weiß, dass Sie sich darüber viele Gedanken gemacht haben. Was von den Aussagen von Kastrup und Faggin ist für Sie besonders relevant?

Parisetti: Was den philosophischen Idealismus anlangt, muss ich vorweg nehmen, dass ich mich selbst gerade in einer ganz besonderen, aufregenden Lebensphase befinde. 

Seit etwa zwei Jahrzehnten bin ich Anhänger einer philosophisch-spirituellen Tradition, die unter dem Namen Advaita Vedanta bekannt ist, das ist eine nicht-duale Tradition der späten vedischen Zeit Indiens, ein absoluter Monismus. Das Wesen der Wirklichkeit lässt sich demnach auf eine Substanz zurückführen – daher Monismus – und dieses Eine ist Bewusstsein. Nur Brahman existiert, alles andere ist Illusion. Und Brahman ist Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit. 

Dieser radikale, strenge absolute idealistische Monismus tauchte um 500 v. Chr. mit den Neuplatonikern in Griechenland und Europa wieder auf und fand sich dann im gesamten Mittelalter bei einigen Mystikern und Philosophen. Und er erlebte schließlich – in diesen Tagen – eine starke Renaissance durch eine Reihe idealistischer Philosophen, wie etwa Bernardo Kastrup.

Warum ich das aufregend finde? Weil ich nach 20 Jahren des Studierens, Nachdenkens und Meditierens vor ein paar Monaten endlich begriffen habe … Und das war ein herausragender Moment!

Ich denke, dass es mir in meinem Leben nicht bestimmt ist, jemals eine so tiefgreifende Erfahrung wie Federico zu machen, aber ich hatte diesen Moment einer sehr tiefen intellektuellen Erkenntnis, in dem all diese Konzepte zusammenkamen und zur Wahrheit wurden. Und jetzt … ich meine, das Leben ist nach einem solchen Moment anders. Es ist außergewöhnlich.

Wie auch immer: Bernardo formuliert jedenfalls genau dieselben Konzepte über die mentale Natur der Realität in der Sprache der modernen Philosophie. Und ich finde das wirklich hilfreich und erfrischend, denn auch Advaita Vedanta ist vorrangig eine Philosophie. Die Bhakti, die hingebungsvollen Aspekte dieser spirituellen Tradition, sind eher zweitrangig. Entscheidend ist das Wissen. Wichtig ist das Konzept, die Idee, dass allein Bewusstsein existiert – und das ist genau, was auch Bernardo Kastrup im Wesentlichen sagt. Und was Bernardo auf brillante Weise gelöst hat, ist das sogenannte Dekompositionsproblem.

Wenn alles Bewusstsein ist, warum bin ich mir dann nicht bewusst, was gerade in Ihrem Kopf vorgeht? Die Parapsychologie besagt, dass ich bestimmte Dinge nur schemenhaft wahrnehmen kann, aber wenn alles Bewusstsein ist, müssten wir uns des gesamten phänomenalen Inhalts im Bewusstsein jedes anderen Menschen vollkommen bewusst sein. Und wir wissen, dass dies nicht der Fall ist.

Bernardo bezieht sich nun auf ein Phänomen, das wir von der dissoziativen Persönlichkeitsstörung kennen: Innerhalb einer Person entwickeln sich separate Persönlichkeiten, sogenannte Alter. Kurz gesagt, Bernardos Idee ist, dass wir alle Teil des übergeordneten Bewusstseins, dieses universellen Bewusstseins, sind, aber durch eine Dissoziationsgrenze davon getrennt und uns dessen daher nicht bewusst sind. 

Wir sind immer noch Teil des Bewusstseins. Wir bestehen immer noch aus Geist, wie die Welt, wie alles andere auch, aber wir leben in einer Art Blase. Und was wir jenseits der Dissoziationsgrenze sehen können, sind – er verwendet dafür diese wunderschöne Metapher – die Gedanken Gottes, die auf dieser Grenze abgebildet sind. Das ist freilich nur eine Metapher; sie soll nichts erklären.

Als Vedantin verehre ich Kastrup also.

Mit Federico Faggin kooperiere ich gewissermaßen. Ich meine, in Italien treffen wir uns immer wieder in der Öffentlichkeit, und ich habe seine Theorie schon oft gehört.

Aber mir fehlen die Mittel, den technischen Teil von Federicos Zusammenarbeit mit dem Quantenphysiker Giacomo D’Ariano zu beurteilen. Die Theorie ist in D’Arianos Sprache verfasst, und das ist für mich wie Hieroglyphen. Ich kann den mathematischen Formalismus nicht einmal lesen, geschweige denn mich mit den Ideen auseinandersetzen. Das alles liegt so weit jenseits meiner intellektuellen Fähigkeiten, dass ich dazu nichts sagen kann.

Die Art und Weise, wie Federico diese Theorie in seinem öffentlichen Diskurs präsentiert, trägt jedenfalls nichts zu meinem eigenen Verständnis bei.

Kurz zur Erklärung für unsere Zuschauer: Federico Faggin nutzt die Quantenfeldtheorie und die Quantenmechanik, bekannte Theorien der Physik, um eine Brücke zur Welt des Geistes zu schlagen. Zum Beispiel: In der Quantenmechanik gibt es Momente, in denen alles unklar ist. Aus diesem realen, aber undefinierten Zustand kann durch Messung eine klare und prägnante Entscheidung hervorgehen. So entsteht aus etwas, das wie Wahlfreiheit erscheint, etwas ganz Bestimmtes. 

Ich verwende die Begriffe Freiheit und Wahl hier undefiniert. Wir müssen aber sehr vorsichtig damit sein, diese eins zu eins mit Begriffen aus unserem Alltag zu vergleichen. Wenn ich von Wahlfreiheit spreche, haben wir als Menschen das Gefühl, frei handeln zu können, aber diese Art von Freiheit ist anders. 

Federico Faggin verknüpft diese Begriffe, weil es in der Quantenmechanik Strukturen gibt, die dem, was wir dem Geist zuschreiben, sehr ähnlich erscheinen. Er identifiziert also ähnliche Strukturen und Ideen aus der Quantenmechanik mit Phänomenen des Geistes.

Wir müssten nun genauer hinschauen, ob das gerechtfertigt ist oder nicht. Manchmal erscheint mir diese Verknüpfung als vorschnell, und ich verstehe auch, was Sie meinen: Es ist nicht so einfach, Faggins Ausführungen zu folgen, denn Quantenmechanik und Quantenfeldtheorie sind natürlich sehr komplex.

Parisetti: Ich bin gerade von einer Konferenz an der Universität York zurückgekommen, dabei wiederholte Federico noch einmal: „Die Quantenfelder sind bewusst, sie wollen sich selbst erkennen, und der Kollaps der Wellenfunktion, also der Übergang von der Potenzialität zur Aktualität, ist ein Ausdruck des freien Willens.“

Das Elektron erscheint als Teilchen, weil das Elektronenfeld dadurch seinen freien Willen ausdrückt. Das ist an sich schon faszinierend. Aber was mich an Federicos Aussagen wirklich anspricht, ist die sehr weitreichende Annahme, dass Bewusstsein fundamental ist. Bewusstsein existiert vor Materie. Ich persönlich – und ich spreche hier nicht als Wissenschaftler, sondern als Vedantin und Amateurphilosoph – glaube sogar, dass Materie gar nicht existiert. Das ist meine Position.

In einer kriminaltechnischen Täterprofilerstellung liefert eine Untersuchung manchmal keine Fakten, aber Anhaltspunkte. Ich denke, dass es an den Grenzen unseres wissenschaftlichen Wissens durchaus angebracht ist, darüber nachzudenken: Was nehmen wir mit unseren Gedanken wahr, welche Phänomene beobachten wir, und wo finden wir in anderen Wissenschaften etwas Ähnliches, das zusammenpassen könnte? Ich halte das für einen legitimen und sehr kreativen Ansatz, vielleicht ist er sogar richtig. Aber meines Wissens ist es zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich, durch Experimente zu entscheiden, ob die von Faggin gefundene Analogie auf etwas Realem beruht oder ob es sich lediglich um eine faszinierende Analogie handelt.

Ich möchte auch einen Aspekt aus Nahtoderfahrungen hervorheben, der mir besonders relevant erscheint: Etwa 20 bis 30 Prozent der Nahtoderfahrenen nehmen ein Licht der Liebe wahr, das mit ihnen interagiert. Es ist sehr interessant, dass Menschen weltweit, in allen Kulturen und Altersgruppen, diesem Licht der Liebe begegnen und berichten, sich von diesem Licht persönlich gesehen, anerkannt und geliebt gefühlt zu haben. Angesichts der vielen Menschen, die dieses Phänomen erleben, scheint es also sehr relevant zu sein. Eine Theorie des Geistes, der Seele und dessen, was darüber hinausgeht, muss diesen Aspekt meines Erachtens irgendwie einbeziehen, aber ich habe den Eindruck, dass Bernardo Kastrup und Federico Faggin dieses Element in ihren Theorien nicht ausreichend berücksichtigen …

Parisetti: … obwohl Federico viel über die Liebe spricht. Aber ich finde – und das sage ich als unwissender und intellektuell eingeschränkter Piero –, es ist nicht sehr hilfreich, Qbits und Liebe in einem Satz zusammenzufassen.

Ich schließe keinesfalls aus, dass es da eine Verbindung gibt, aber momentan fällt es mir leider schwer, sie zu erkennen. Während mir die philosophischen Argumente der Vedanta-Philosophie als absolut wasserfest erscheinen: Alles beruht auf Erfahrung. Nicht auf Postulaten oder philosophischen Ideen. Am Anfang und am Ende dieser Philosophie steht unser Seelenleben. Aus dem, was wir von Augenblick zu Augenblick erfahren, entsteht ein gigantisches, kohärentes, konsistentes, wasserdichtes Gedankengebäude … 

Ihre Aussage, ein System könne vollständig auf unseren Erfahrungen basieren, schätze ich sehr – auch im Hinblick auf die Aussage des Philosophen David Chalmers zum sogenannten „harten  Problem des Bewusstseins“. Die Frage, wie die individuelle Perspektive entsteht, ist ja wissenschaftlich keineswegs verstanden und wird vielleicht auch nie verstanden werden. Man mag das Gehirn eines Tages perfekt erklären können, aber man hat trotzdem noch keine Erklärung dafür, warum es innere Erfahrungen gibt.

Parisetti: Ich sage Ihnen den Grund dafür: Weil die innere Erfahrung alles ist, was existiert. Wir haben kein hartes Problem des Bewusstseins. Wir haben ein hartes Problem der Materie.

Wir gehen davon aus, dass Materie existiert, aber wir haben keinen direkten Beweis dafür. Wir haben nicht einmal prinzipiell die Möglichkeit anzunehmen, dass es ein materielles Universum gibt, das irgendwie unseren Wahrnehmungen und Erfahrungen entspricht. Wir haben nicht einmal eine Definition von Materie. 

Roger Penrose, ein preisgekrönter theoretischer Physiker – der ich nicht bin – sagte: „Natürlich bin ich Materialist, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich weiß, was Materie ist.“

Das ist perfekt. Und ich möchte nur kurz hinzufügen, dass ich die deutsche Redakteurin von Roger Penrose war. Ich kenne ihn sehr gut.

Wir schlenderten an einem Winternachmittag durch Heidelberg und sprachen über Nanotubuli im Gehirn und wie Quantenmechanik und das menschliche Gehirn zusammenwirken könnten. Eine wirklich fantastische Person, die bemerkenswerte Forschungsarbeit geleistet hat!

Kommen wir nun zum letzten Teil unseres Gesprächs, den ich für besonders wichtig halte. Ich bitte Sie um einige Gedanken zum Thema Trauerbewältigung. Eine Frage dazu wäre: Wenn Menschen davon ausgehen, dass Verstorbene nicht nur in ihrer Erinnerung weiterleben, sondern tatsächlich, wenn sie davon überzeugt sind, dass es ein sinnvolles Weiterleben gibt – verändert sich die Trauer dadurch?

Parisetti: Kolossal. Enorm. Dramatisch.

Ich versuche, das Wesentliche kurz zusammenzufassen: Wir leben seit fast einem Jahrhundert in einer Welt der Trauerpsychotherapie, die von zwei Ideen dominiert wird: Von Freuds Vorstellung, die besagt, dass Trauer im Grunde eine Krankheit sei, die durch Trauerarbeit überwunden werden müsse. Es ginge darum, sich von Bindungen zum geliebten Menschen zu lösen und sich neuen Erfahrungen öffnen. Ich fasse das natürlich etwas vereinfacht zusammen, aber es geht um das Wesentliche.

Hinzu kam dann noch die Fehlinterpretation der Arbeit von Elisabeth Kübler-Ross, die die fünf Sterbephasen untersuchte, aus denen dann rätselhafterweise die fünf Trauerphasen wurden.

Der Prozess der Loslösung und der Akzeptanz des Verlustes vollzieht sich demnach in fünf aufeinanderfolgenden Phasen, die im Wesentlichen jeder Mensch gleich erlebt. 

Diese beiden Vorstellungen prägten die Trauertherapie, und sie tun es zum Teil auch heute noch. 

Houston, wir haben ein Problem! Denn für keine dieser beiden Theorien gibt es den geringsten Beweis. Empirisch entbehren sie jeglicher Grundlage. 

Aber zum Glück entwickelte sich Mitte der 1990er-Jahre eine neue Theorie – die eigentlich gar keine ist. Es ist eine Methode, empirische Erkenntnisse über die Trauer zu systematisieren. Eine Gruppe von 22 Forschern hat sie entwickelt. Es gibt darüber ein Buch mit dem Titel „Continuing Bonds“ („Fortdauernde Bindungen“), das für mich einen Wendepunkt markiert.

Statt einer Theorie wird hier Praxis geboten. Grundlage ist eine Studie, für die die Forscher beobachtet haben, was trauernde Menschen nach einem Verlust tun: Die meisten brechen die Verbindung zum Verstorbenen nicht ab. Die Verstorbenen bleiben für sie eine lebendige Präsenz. Diese fortdauernde Bindung verändert sich im Laufe der Zeit, die Belastung durch die Trauer lässt allmählich nach und verschwindet. Doch die Verbindung bleibt bestehen und erweist sich als äußerst hilfreich. Alle Studien belegen, wie unterstützend und hilfreich diese psychologische Präsenz ist. 

In manchen Fällen handelt es sich nicht nur um eine psychologische Präsenz, sondern die fortbestehenden Bindungen werden, wie bereits erwähnt, extrinsisch, da die Betroffenen eine Form der Wiedervereinigung mit dem verstorbenen Partner erfahren. Visuell, auditiv, taktil, multisensorisch.

Die Forschung zeigt, dass all diese Dinge sehr nützlich und hilfreich sind. Und nun kommt Piero  mit seinen medizinischen Wurzeln ins Spiel. Damit meine ich meinen tiefen Wunsch, Menschen zu helfen und für jemanden, dem es nicht gut geht, etwas bewirken zu können.

Und ich komme auf das zurück, was ich zu Beginn erzählt hatte: Ich las über faszinierende Dinge, lernte daraus, sah die vielen Hinweise auf ein Überleben des Bewusstseins nach dem körperlichen Tod. Dabei wurde mir klar, dass diese Informationen ein enormes Potenzial für zwei Gruppen von Menschen bergen: Für diejenigen, die Angst vor dem Tod haben – sei es vor ihrem eigenen oder dem eines geliebten Menschen –, und für diejenigen, die unter dem Verlust eines geliebten Menschen leiden.

Es gibt empirische Belege, die das stützen, was ich einen „rationalen Glauben an ein Leben nach dem Tod“ nenne – keinen Glauben, der darauf beruht, eine Doktrin, die Worte eines Propheten, eines heiligen Buches oder bestimmter Lehren zu akzeptieren, sondern der auf Wissen beruht und auf der kritischen Bewertung von Fakten. Ein rationaler Glaube also. 

Diese Idee nahm 2010 Gestalt an. Zwischen 2010 und 2012 investierte ich unglaublich viel Arbeit, etwa 2000 Stunden, in die Produktion eines Videokurses. Dieser Kurs auf akademischem Niveau ist jedoch so aufbereitet, dass er für jedermann verständlich ist. Er präsentiert systematisch die zwölf Bereiche, die meiner Ansicht nach die Idee eines Lebens nach dem Tod stützen, begleitet von einem Selbsthilfehandbuch im Stil der kognitiven Psychologie, denn bloße Akzeptanz genügt nicht.

Wer einfach nur glauben will, könnte genauso gut einem heiligen Buch vertrauen. Ich möchte aber nicht, dass die Menschen mir glauben, sondern dass sie an sich selbst glauben. Ich möchte, dass sie lernen, das Gelernte kritisch hinterfragen und idealerweise zu einem, wie ich es eben nenne, „rationalen Glauben an das Leben nach dem Tod“ gelangen. 

Anschließend habe ich diese Ressource der „Forever Family Foundation“ gespendet, einer nicht-religiösen, gemeinnützigen Organisation mit rund 15.000 engagierten Freiwilligen weltweit. Das ist eine großartige Organisation, die Menschen unterstützt.

Seit etwa zehn Jahren wird diese Ressource nun schon genutzt, und zwar von sehr vielen Menschen. Viele schrieben spontan an die Stiftung und an mich persönlich und berichteten, dass sie ihr Leben verändert und ihnen sehr geholfen habe. Ich war also sehr damit zufrieden, sowohl intellektuell als auch moralisch, dass meine Arbeit offensichtlich gut war und positive Wirkung zeigte. 

Als Wissenschaftler war mir jedoch klar, dass es sich hierbei um anekdotische Evidenz handelt. Es könnte sich bei den Berichten um eine kleine, nicht repräsentative und selbstselektierte Stichprobe gehandelt haben.

Natürlich war allein schon die Tatsache, dass die Ressource einigen Hundert Betroffenen geholfen hat, erfreulich. Das heißt aber nicht unbedingt, dass es sich um einen objektiv guten Ansatz handelt. Die Bibliotherapie ist im Grunde eine Form der Selbsthilfe zur Trauerbewältigung.

Deshalb wollte ich deren Wirkung wissenschaftlich untersuchen. Das war das Thema meiner Doktorarbeit an der Universität Northampton. Ich habe eine Wirkungsstudie mit trauernden Menschen durchgeführt. Ich habe psychometrisch den Grad der Trauer und verschiedene Indikatoren der psychischen Gesundheit gemessen. Nach diesem Vortest hatten die Teilnehmenden drei Monate Zeit, um sich mit dem Material auseinanderzusetzen, und anschließend habe ich die Werte erneut gemessen. Das Ergebnis: Es ist genauso wirksam wie eine persönliche Psychotherapie.

Das ist wirklich erstaunlich! Und woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Parisetti: Der quantitative Teil der Studie untersuchte, ob das Ausmaß der Trauer abnimmt Cohen’s d, ein statistisches Maß für die Effektstärke, war 0,54, was einen beträchtlichen Effekt bedeutet, p = 0,004, also hochsignifikant. In jeder medizinischen Wirksamkeitsstudie würde ein neues Medikament, das zu solchen Ergebnissen führt, sofort auf den Markt kommen. 

Dann gab es noch einen qualitativen Teil der Studie. Ich habe einige meiner Teilnehmer interviewt und anschließend eine reflexive thematische Analyse durchgeführt. Das verleiht den Ergebnissen mehr Tiefe und Nuancen, da man so die Erfahrungen der Menschen besser verstehen kann. Die meisten von ihnen hatten bereits eine Vorstellung vom Leben nach dem Tod. Und der entscheidende Unterschied war, dass ihre bestehenden Überzeugungen bestätigt wurden.

Immer wieder betonten die Leute, wie wichtig es sei, zu wissen, dass es so viele wissenschaftliche Studien zu diesen Themen gibt und dass sich so viele Akademiker und ernsthafte Menschen damit auseinandersetzen. Das bestärkte und festigte ihren Glauben und hob ihn auf eine ganz neue Ebene. Eine Mutter sagte mir sinngemäß: „Ich weiß nicht, wie ich ohne das Wissen überlebt hätte.“ Sie hatte schon an Selbstmord gedacht, und nur Wissen und Information bewahrten sie vor einer Tragödie. 

Die Macht von Wissen und Information ist einfach unglaublich. Außerdem kam in meinen Interviews sehr deutlich zum Ausdruck, dass viele Menschen Kontakt zu ihren verstorbenen Angehörigen hatten, aber nicht wussten, wie sie damit umgehen sollen.

Und dann erkannten sie plötzlich, dass sie ihre Erlebnisse genau so deuten können, wie sie ihnen erschienen waren: Ja, ich habe meinen verstorbenen Mann gesehen!

Eine Frau erzählte mir, sie sei gerade rückwärts aus der Garage gefahren und als sie nach rechts geblickt habe, um den Abstand zu einem Pfosten einzuschätzen, sei ihr Mann leibhaftig vor ihr gestanden. Sie hätten ein paar Worte gewechselt, dann sei er langsam wieder verschwunden.

Das ist die typische Sinneswahrnehmung eines Nachtodkontakts. So etwas einfach als Halluzination abzutun, ist eine – entschuldigen Sie bitte – wirklich dumme Erklärung, wie sie ein schlecht informierter Skeptiker von sich gibt, der nichts über Halluzinationen, ihre Phänomenologie, ihr Wesen und ihre Erscheinungsformen weiß.

Zu behaupten, ein Trauernder halluziniere einen geliebten Menschen, ist so, als würde man sagen, jemand, der in Schulden ertrinkt, halluziniere, im Lotto gewonnen zu haben. So etwas kommt nicht vor. Warum sollten Trauernde so reagieren?

Wir erschaffen uns keine Realität, einfach weil wir sie wollen oder brauchen. Die Frau fuhr in diesem Moment Auto, ihre Gedanken waren nur dabei. 

Ich glaube auch, dass diese Forschung nicht nur eine spezielle Wirkung meines Werkzeug dokumentierte. Mein Tool wurde in der Studie verwendet, weil es das einzige verfügbare war. Es ist ein praktisches, handliches Produkt, das sich gut für Tests eignet. 

Was die Ergebnisse zeigen, ist die fördernde Wirkung, die gute Information auf Trauernde hat. Es müssen aber seriöse Informationen aus glaubwürdigen Quellen sein. Leider werden wir aber ständig mit der Aussage konfrontiert: „Ich habe recherchiert.“ – „Ach ja? Was haben Sie denn gemacht?“ – „Ich habe mir ein paar Videos auf YouTube angesehen.“ Und wir wissen ja, was man alles auf YouTube finden kann …

… alles, was Sie wollen, und das Gegenteil!

Parisetti: Ich empfehle daher allen, die an diesem Ansatz interessiert sind, sich mit glaubwürdigen Informationen, wissenschaftlichen Quellen und auch mit anspruchsvollem, von Experten begutachtetem Material auseinanderzusetzen. Das ist gar nicht so schwer, man findet auch allgemeinverständlich aufbereitete und gut recherchierte Texte. Wichtig ist, sich damit zu befassen und nicht alles unreflektiert zu übernehmen. Man muss die Informationen kritisch prüfen, denn nur so kann man sich selbst überzeugen.

Das wäre schon ein sehr gutes Schlusswort! Ich kann hier auch noch auf meine meine eigene Erfahrung hinweisen. Die eingehende Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Forschung führt zu immer mehr Bestätigung, dass ein geliebter, verstorbener Mensch nicht wirklich fort ist. So empfinde ich es zumindest. Ich fände es traurig, wenn von mir nach meinem Tod nur noch die Erinnerung in anderen Menschen bliebe – eine Vorstellung, die viele als tröstlich finden.

Ich möchte weiterhin ich selbst sein – und das ist etwas, worüber auch Nahtoderfahrene sprechen und was Nachtodkontakte zu bestätigen scheinen: Es geht irgendwie weiter.

Ich denke, wir könnten viel darüber diskutieren, wie und wohin es weitergeht und worum es eigentlich geht. Aber zunächst ist es sehr wichtig zu wissen, dass verstorbene Angehörige mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht wirklich verschwinden, wenn das Gehirn seine Funktion einstellt, sondern dass sie tatsächlich weiterleben. Für mich war das der entscheidende Punkt, als ich begann, mich intensiv mit dieser Forschung zu beschäftigen. Ich fand diese Hoffnung aus wissenschaftlicher Sicht bestätigt.

Parisetti: Damit bin ich absolut einverstanden. Wir sind uns da vollkommen einig!

Das heißt, die Reise geht weiter. Wir werden noch viele Jahre auf vielen Wegen unterwegs sein und dieses Thema weiter erforschen, so hoffe ich, und dabei noch viele neue Entdeckungen machen. Es ist ein nie endender Prozess.

Wir haben nicht nur versucht, unsere Erwartungen zu bestätigen und sehen uns jetzt am Ziel, sondern wir werden weiterforschen.

Piero, ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch, für die Zeit, die Sie sich genommen haben, und dafür, dass Sie Ihre Gedanken, Ihre Forschungsergebnisse und Ihre Perspektive mit uns geteilt haben. Es war mir eine große Freude, mit Ihnen zu sprechen. Vielen Dank!

Parisetti: Es war mir auch ein großes Vergnügen. Vielen Dank! Und danke auch an unser geduldiges Publikum, das unsere gemeinsame Begeisterung bis hierher ertragen hat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Links:
„Beyond Time and Space“: 50 peer reviewed articles in parapsychology/survival research: https://www.amazon.co.uk/dp/B0GFN9YQ6J
Laboratory mediumship research: https://www.windbridge.org/papers/BeischelJP71Methods.pdf
Mediumship meta-analysis: http://www.patriziotressoldi.it/cmssimpled/uploads/includes/MAMediumship21.pdf
Precognitive ganzfeld by Caroline Watt et al. https://koestlerunit.wordpress.com/wp-content/uploads/2022/06/watt-et-al-2020.pdf

Original Interview auf „Thanatos TV“:

Life After Life – A Scientific Journey | An In-Depth Interview With Piero Calvi Parisetti

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Werner Huemer

Journalist und Autor

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Ein Kommentar zu „Leben nach dem Tod – eine wissenschaftliche Reise

  1. Ein interessantes Interview, das gleich mehrere Themen behandelt. Mich hatte vor allem interessiert, wie genau man Präkognition/Hellsichtigkeit wissenschaftlich nachweisen kann. Deshalb habe ich mir die Studie „Precognitive ganzfeld by Caroline Watt“ angesehen, die am Ende des Textes verlinkt ist. In dieser Meta-Studie sind wiederum einzelne Experimente aufgeführt. Die dort erwähnten Experimente „Roe et al., 2020, Performance at a Precognitive Remote Viewing Task, with and without Ganzfeld Stimulation“ habe ich dann im Internet als pdf gefunden. In diesem Dokument werden auch der Versuchsaufbau und der Versuchsablauf beschrieben.
    Diese Recherche empfehle ich allen, die sich für dieses Thema interessieren, da allein die Studienergebnisse in Form von statistischen Daten noch nichts darüber aussagen, welche Gültigkeit die Experimente haben.

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