Bernardo Kastrup: Neue Impulse für den „philosophischen Idealismus“
Der niederländische Philosoph und Informatiker Bernardo Kastrup gehört zu den wichtigsten Denkern unserer Zeit. Mit seinem naturalistischen Idealismus stellt er dem heute weit verbreiteten Materialismus ein viel diskutiertes weltanschauliches Konzept entgegen, bei dem nicht die Materie, sondern das Bewusstsein im Zentrum steht.
Nun aber haben Kastrup ausgerechnet Nahtoderfahrungen, die an sich ja ebenfalls die materialistische Weltsicht in Frage stellen, dazu angeregt, seine Positionen neu zu überdenken.
David Schuy sieht darin eine „philosophische Wende, die mehr ist als eine Fußnote“ und bietet einen Überblick zu den aktuellen Entwicklungen.
Es sind die stillen Erschütterungen, die oft die tiefgreifendsten Veränderungen ankündigen. Bernardo Kastrup, der wohl prominenteste Vertreter des analytischen Idealismus unserer Zeit, scheint gegenwärtig eine solche philosophische Krise seiner Weltsicht zu durchleben.
In einer bemerkenswerten Stellungnahme formulierte Kastrup: „Ich werde meinen analytischen Idealismus aufgeben, bevor ich meine intellektuelle Redlichkeit verliere.“
Was hat einen Mann, der jahrelang gegen den herrschenden Materialismus anschrieb, in diese Lage gebracht?
Die Architektur eines Systems
Um die Tragweite von Kastrups Aussage zu erfassen, muss man zunächst verstehen, worauf sein Denken aufbaut. Sein analytischer Idealismus basiert auf drei tragenden Säulen:
Erstens, ein ontologischer Monismus: Demnach existiert nur „mind stuff“ – Geist, Bewusstsein, mentale Wirklichkeit. Materie ist keine eigenständige Substanz, sondern eine Erscheinungsform dieses fundamentalen Bewusstseins.
Zweitens, ein strikter Naturalismus: Die Natur entfaltet sich spontan, ohne göttliche Planung; es gibt kein kosmisches Spiel mit Intention. Was auch geschieht, es geschieht nicht absichtlich, sondern als selbstorganisierende Dynamik eines unpersönlichen Bewusstseinsfeldes.
Drittens, das Prinzip der Dissoziation: Unsere individuelle Wahrnehmung entsteht durch eine Art mentaler Abtrennung vom universalen Bewusstsein.
Auf diesen philosophisch ausgereiften, eleganten, sparsamen Grundlagen entwickelte Kastrup eine Alternative zum vorherrschenden Materialismus.
Das Phänomen des Sehens ohne Augen
Doch seine Beschäftigung mit spezifischen Phänomen innerhalb der Sterbeforschung hat Kastrup zum Überdenken seiner Position angeregt: die sogenannten veridikalen – also nachprüfbar korrekten – Wahrnehmungen ohne funktionierende Sinnesorgane.
Menschen berichten davon, während ihres klinischen Todes, also bei nicht funktionierendem Gehirn und mit geschlossenen Augen Dinge gesehen zu haben, die sich später als zutreffend erwiesen. Nicht bloß innere Bilder, nicht Träume, nicht Halluzinationen – sondern präzise Informationen über die äußere Realität.
Kastrup stellte sich nun die Frage: Wenn Wahrnehmung auch ohne Augen möglich ist – warum hat die Evolution dann hunderte Millionen Jahre in die Entwicklung hochkomplexer visueller Systeme investiert? Die Entwicklung vom lichtempfindlichen Fleck bis zum hochauflösenden Linsenauge war ein gewaltiger biologischer Kraftakt. Retina, Sehnerv, visueller Kortex – eine immense Investition evolutionärer Ressourcen.
Warum haben wir Milliarden Jahre in die Entwicklung von Augen investiert, wenn wir sie nicht brauchen? In dieser Frage verdichtet sich Kastrups Unbehagen. Denn nach den Prinzipien der natürlichen Selektion entstehen komplexe Strukturen nur unter funktionalem Druck.
Wenn das Sehen ohne Augen möglich ist, dann legt dies nahe, dass es zwei Ebenen der Wahrnehmung gibt – eine physische, über Sinnesorgane vermittelte, und eine tiefere, direkt mentale.
Doch erscheint die Evolution damit nicht plötzlich in anderem Licht? Nicht mehr als spontane Selbstorganisation, sondern als eine Art bewusst gewählter Spielmechanik, die gezielt etwas bewirkt, das eigentlich nicht notwendig wäre?
An dieser Stelle könnte die „Interface Theorie“ des US-amerikanischen Kognitionspsychologen Donald D. Hoffmann in die Überlegungen eingebracht werden. Demnach könnten alle biologischen Sinnesorgane Werkzeuge sein, die eine stabile Interaktion innerhalb des „Spielraums“ der physischen Welt ermöglichen – selbst wenn es darüber hinaus weitere Ebenen der Wahrnehmung gibt. Die Evolution würde also die funktionale Navigation optimieren, und dies könnte durchaus auf der Grundlage spontaner, nicht-intentionaler Selbstorganisation passieren.
Doch Bernardo Kastrup sieht genau diese Grundannahme durch das Sehen ohne Augen in Frage gestellt: „Sie haben keine Ahnung, wie sehr mich das beschäftigt“, sagte er in einem Interview und zog in Betracht, den Naturalismus innerhalb des idealistischen Rahmens neu zu überdenken. Denn die Berichte über veridikale Nahtoderfahrungen als fehlinterpretiert oder unzuverlässig abzutun, diese „bequeme Lösung“ verbot ihm seine intellektuelle Redlichkeit.
Ein Denker, der bereit ist, eigene Überzeugungen in Frage zu stellen, wenn die Evidenz es verlangt …
Wohin führt der Weg?
Bernardo Kastrup will in seinem Weltbild keine „höhere Absicht, keinen „göttlichen Plan“ akzeptieren. Er postulierte spontane Selbstorganisation ohne Teleologie, ohne Zielgerichtetheit.
Drücken ihn die Daten nun doch in eine andere Richtung? Zeichnet sich eine Wiederkehr der Teleologie ab – jenes Denkens in Zwecken und Zielen, das die moderne Naturwissenschaft glaubte, überwunden zu haben?
Man muss an dieser Stelle nicht in christliche oder theistische Kategorien verfallen. Kastrup tut das auch nicht. Er lehnt einen personalen Gott weiterhin ab, ebenso wie jede Form von Substanzdualismus. Doch er öffnet die Tür für etwas anderes: einen nicht-naturalistischen, teleologischen Idealismus, ein Modell, das näher an C.G. Jung oder an gewissen Formen des Panentheismus liegt als an der klassischen Naturphilosophie.
Die Parallele zu meiner eigenen Reise
Ich selbst habe diese Verschiebung schon vor Jahren durchlebt. Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Nahtoderfahrungen, und längst bin ich von der rein naturalistischen Betrachtungsweise abgerückt. Die Berichte von der Loslösung der Seele, von der Silberschnur, von Wahrnehmungen außerhalb des Körpers – all dies lässt sich aus meiner Sicht nicht ohne intellektuelle Verrenkungen in ein rein materialistisches und auch nicht in ein rein spontan-idealistisches Weltbild pressen.
Die angeblich gesicherten Grundpfeiler des naturalistischen Weltbildes erweisen sich bei näherer Betrachtung als weniger fest, als oft behauptet wird. Die Vorstellung eines kausal geschlossenen Universums – dass also jedes Ereignis durch eine vorhergehende physische Ursache determiniert ist – ist eine metaphysische Setzung, keine bewiesene Tatsache. Die Energieerhaltung, die Unverletzlichkeit der Naturgesetze – all dies sind epistemische Annahmen, die nicht letztgültig verifiziert werden können. Auch das Konzept der Supervenienz, wonach mentale Zustände vollständig von physischen Zuständen abhängen, bedarf kritischer Prüfung.
Der deutsche Astrophysiker und Philosoph Harald Lesch hat eine Metapher geprägt, die mich seit langem begleitet: Alle Philosophen, Physiker und Naturwissenschaftler erklimmen einen unendlich hohen Berg. Sie arbeiten sich Meter für Meter empor, getrieben von Erkenntnisdurst, methodischer Strenge und dem Willen zur Wahrheit. Und irgendwann, nach jahrhundertelanger Mühe, nach zahllosen Irrtümern und Korrekturen, erreichen sie den Gipfel.
Dort aber wartet eine Überraschung: Die Mystiker und Theologen sitzen bereits da. Sie waren schon immer dort. Und sie schauen auf die Ankommenden nicht herablassend herab, sondern mit einem wissenden, vielleicht leicht melancholischen Lächeln, und sagen: „Seht ihr, wir haben es euch doch die ganze Zeit gesagt.“
Diese Metapher trifft den Kern dessen, was sich gegenwärtig abspielt – nicht nur bei Kastrup, sondern in weiten Teilen der philosophischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Bewusstseinsphänomenen. Die säkulare Forschung nähert sich jenen Wahrheiten an, die religiöse Traditionen seit Jahrtausenden verkünden.
Für mich als Christ – und ich bekenne mich täglich mehr zu diesem Glauben, lebe aus ihm und für ihn –, bedeutet dies: Gott ist der Souverän über die Wirklichkeit.
Wir Menschen sind Imago Dei – Ebenbilder Gottes. Wir tragen die Nefesh Chajah, die lebendige Seele, die Ruach Gottes, den Atem des Schöpfers in uns. In christlicher Terminologie ausgedrückt: Wir haben teil an der göttlichen Perspektive. Wir können die Welt sehen, wie Gott sie sieht – zumindest in Ansätzen, durch einen Spiegel, rätselhaft, wie Paulus es formulierte.
Alvin Plantinga (einer der derzeit größten Religionsphilosophen aus dem christlichen Milieu; aus den USA) hat in seinem berühmten „Evolutionary Argument Against Naturalism“ darauf hingewiesen, dass eine rein evolutionäre Erklärung unserer kognitiven Fähigkeiten deren Verlässlichkeit untergräbt. Wenn unsere Wahrnehmung nur das Produkt blinder Anpassungsprozesse ist, optimiert auf Überleben statt auf Wahrheit, warum sollten wir dann darauf vertrauen, dass sie uns die Wirklichkeit zeigt?
Nahtoderfahrungen zeigen Menschen, deren physische Sinnesorgane nicht funktionieren, eine Wirklichkeit, die über das Materielle hinausgeht. Sie berichten von einer klareren, intensiveren, „wirklicheren“ Wahrnehmung als im normalen Wachzustand. Sie sprechen von einer Liebe, die alles durchdringt, von einem Sinn, der allem zugrunde liegt, von einer Ordnung, die nicht zufällig ist.
Es ist, als würde sich ein großer Kreis schließen. Die modernen Erkenntnisse über Bewusstsein, über die Grenzen des Materialismus, über die Unzulänglichkeit rein naturalistischer Erklärungsmodelle führen zurück zu jenen uralten Einsichten, die spirituelle Traditionen seit jeher bewahrt haben. Die Welt ist mehr als Materie. Das Bewusstsein ist primär, nicht sekundär. Die Seele ist real. Und hinter allem steht – möglicherweise, vielleicht, mit der nötigen epistemischen Demut formuliert – eine ordnende, sinnstiftende, liebende Intelligenz.
Quellenhinweis: Die zitierten Aussagen Bernardo Kastrups stammen aus verschiedenen Interviews und Vorträgen, insbesondere aus Diskussionen über seine jüngsten Überlegungen zu Nahtoderfahrungen und deren Implikationen für den analytischen Idealismus. Eine zentrale Quelle ist das Video-Interview verfügbar unter: The greatest challenge to Bernardo’s Naturalism – YouTube

