„Die Leute der Stadt sollen sie zu Tode steinigen!“

Vom menschenverachtenden Irrtum, die Bibel wörtlich zu nehmen

Während in naturwissenschaftlich orientierten Kreisen der Atheismus mittlerweile der am weitesten verbreitete Glaube sein dürfte, regt sich gleichzeitig verstärkt ein gefährlicher religiöser Fundamentalismus.

Auch in den Kommentaren zu den auf YouTube veröffentlichten Thanatos TV-Videos muss man nicht lange nach Aussagen suchen, die verraten, dass viele Gläubige in der wörtlichen Auslegung der „Heiligen Schrift“, des sogenannten „Wortes Gottes“ ihr Heil gefunden haben. „Lies die Bibel!“ tönt ihr Ruf.

Also lesen wir:

Unter 5. Mose 22 beispielsweise eine an die Dorfgemeinde gerichtete Aufforderung zur Tötung. Wenn einer Tochter, die noch im Haus des Vaters wohnt, vorehelicher Geschlechtsverkehr nachgewiesen werden konnte, „… so soll man sie heraus vor die Tür ihres Vaters Hauses führen, und die Leute der Stadt sollen sie zu Tode steinigen“.

Noch schärfer: Unter 2. Mose 35,2 wird die Tötung jedes Menschen gefordert, der die „Sabbatruhe“ nicht einhält, also den „siebenten Tag“ nicht heiligt: „Wer an dem arbeitet, soll sterben.“ Auch ein Fluch rechtfertigt den Tod eines Menschen: „Welcher der Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen.“ (3. Mose 24,16)

Den Tod verdienen nach 3. Mose 20,10 nicht nur Ehebrecher(innen), sondern auch Schwule („Wenn jemand beim Knaben schläft wie beim Weibe, die haben einen Greuel getan und sollen beide des Todes sterben“) sowie alle, die in Blutschande leben.

Gegen Gottes Willen richtet sich nach 3. Mose 20,6 auch, wer sich an „Wahrsagern oder Zeichendeutern“ orientiert. Wenn eine Seele ihnen nachfolgt, so spricht Gott demnach, „so will ich mein Antlitz wider dieselbe Seele setzen und will sie aus ihrem Volke ausrotten.“

Grundsätzlich kein Problem ist dagegen die Sklaverei. Nach 2. Mose 21,2 kann sich der Gläubige Knechte kaufen, die „sechs Jahre dienen“ sollen (im siebenten Jahr soll der Knecht dann frei ausgehen); dem Vater ist auch der Verkauf der Tochter (2. Mose 21,7) grundsätzlich gestattet. –

Es gäbe noch zahlreiche weitere Beispiele, die die Blutrünstigkeit biblischer Schriften belegen. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – dieses biblische Prinzip ist längst sprichwörtlich geworden. Rache, Menschenopfer, Mord, Rassismus, Sklaverei – all das lässt sich durch das Alte Testament, also durch die Schriften, die vor Christi Geburt entstanden sind, problemlos rechtfertigen.

Freilich: Es gibt auch die Bergpredigt Jesu im „Neuen Testament“, die Lehre der bedingungslosen Gottes- und Nächstenliebe, die wie ein Lichtfels aus der Finsternis ragt und eine grundlegende Lebensorientierung bietet, die heute ebenso gültig ist wie vor 2.000 Jahren. Und es geht hier auch gar nicht darum, die Bibel insgesamt in Frage zu stellen.

Es geht um den Irrtum, die alten Schriften und ihren Anspruch, den Willen Gottes zu widerspiegeln, wörtlich zu nehmen.

Nichts spricht dagegen, in den vor- und nachchristlichen Texten spirituelle Anregung zu suchen, Halt, Trost und Zuversicht. Aber sie in ihrer Ganzheit, ohne weiter nachzudenken, unreflektiert als Maßstab zu empfehlen, ist, wie die wenigen ausgewählten Beispiele zeigen, naiv, dumm und menschenverachtend. Letztlich wird dadurch auch der Atheismus gefördert. Denn Menschen mit einigermaßen gesundem Gemüt wehren sich instinktiv gegen die Lehre von einem Gott, der aus vergleichsweise banalen Gründen zur Steinigung aufruft und dem die Einhaltung dogmatischer Grundsätze wichtiger ist als die Lebens- und Entwicklungsmöglichkeit seiner Geschöpfe.

Dass sich das Bild von einem rächenden, strafenden Gott und die daraus resultierende Angst bestens zur Disziplinierung der gläubigen Masse eignet, haben machtorientierte Priester und religiöse Führer sicher schon vor Tausenden Jahren erkannt. 

Im besten Fall können biblische Texte als göttlich inspiriert betrachtet werden, wenn geistig entwickelte Menschen wirklichen Kontakt zu höherer Weisheit und Erkenntnis fanden und dies in den Worten ihrer Sprache ausdrücken konnten. Im schlimmsten Fall handelt es sich um reine Erfindungen.

Die Grenzen zwischen Geschichtsschreibung, Sage und Mythologie, zwischen Tatsache, Meinung und Interpretation verschwimmen in den den biblischen Texten.

Das wohl folgenreichste aller Bücher, die je veröffentlicht wurden, benötigt mündige, selbständig denkende Leser mit wacher Empfindungsfähigkeit. In Zeiten des neu aufkeimenden religiösen Fundamentalismus mehr denn je.

Ein Beitrag von Werner Huemer

Literaturhinweis: Alle Zitate stammen aus: „Die Bibel nach Luther – Altes und Neues Testament“, Revision von 1912, ISBN 978-3-95418-106-3

7 Gedanken zu “„Die Leute der Stadt sollen sie zu Tode steinigen!“

  1. Lieber Herr Huemer,

    ich erfreue mich immer an Ihren präzisen Gedanken und deren ebenso exakten Formulierung. Und im Zuge eines Gedankens, der mir zentral für Ihre Arbeit bzw. Weltanschauung zu sein scheint, könnte Sie vielleicht dieser Beitrag interessieren, in dem es um eine der Grundfragen der Menschheit geht: Woher kommt unser Bewußtsein? [Man könnte, angelehnt an obigen Beiträgen und verwandte Artikel aus Ihrer Feder ergänzend fragen: Kommt es von Gott? Ist Gott möglicherweise ein Synonym für ein originäres, allumfassendes Bewußtsein, das am Anfang aller beobachtbaren Dinge steht? „Im Anfang war das Wort“, heißt es in der Genesis, wobei verschiedene Übersetzer der Ansicht sind, dass statt „Wort“ vielleicht eher „Logos“ oder im deutschen dann z.B. „Geist“ zu stehen habe]).

    Wie auch immer, hier ein spannender Beitrag, den ich Ihnen auf diesem Weg gern zur Lektüre und im Sinne der persönlichen Bereicherung empfehle:

    https://www.psychologytoday.com/us/blog/mysteries-consciousness/201907/what-if-consciousness-comes-first

    Beste Grüße,
    Ihr Leser W.N. (das eBook habe ich zum Zeitpunkt seines Erscheinens erworben und noch am gleichen Tag gelesen).

    1. Lieber Herr Nieke,
      vielen Dank für Ihre netten Worte und vor allem für den Hinweis auf den Beitrag. Wir planen für „Thanatos TV“ eine (voraussichtlich insgesamt dreiteilige) Dokumentation zum Thema „Bewusstsein“; solche Hinweise sind für mich auch deshalb sehr wertvoll.
      W. Huemer

  2. Besten Dank Ihnen beiden, Herr Huemer und Herr Nieke. Besonders der Link zu dem Artikel in „psychology today“ gibt mir eine weitere schöne Bestätigung meiner eigenen Gedanken zum Thema. Und hier taucht auch (endlich mal?) der Begriff des Kategoriefehlers auf – denn auch meiner bescheidenen Meinung nach sind die bisherigen Forschungsergebnisse zum Bewusstsein als Ergebnis eines solchen verorten…

    1. Ich würde sogar noch weiter gehen, Hr. Zweydinger, und den reduktionistisch argumentierenden Wissenschaftlern beim Thema Bewußtsein nicht nur einen Kategoriefehler, sondern sogar einen Fehlschluß unterstellen. Denn ohne – reflektierendes und dann auch interpretierendes – Bewußtsein blieben sämtliche Theorien und Ergebnisse aus den Naturwissenschaften bedeutungslose Zahlenreihen. Tatsächlich scheinen aber ja auch jene Forscher an den „ewigen Fragen“ im Hinblick auf das Schicksal der Spezies Menschen mit ihrem eigenartigen evolutionären „Geschenk“ von Bewußtsein interessiert zu sein, weil es ja auch immer wieder um Fragen geht, wie z.B. warum es überhaupt einen Kosmos gibt, warum sich Materie darin findet, warum dieser sich ausdehnt und wohin das alles führt, wenn man die Beobachtungen „extrapoliert“ und weiterdenkt.

      Am Ende scheint es mir auch dort immer wieder um die Frage zu gehen: Wo kommt alles – und auch wir – her und wo geht es hin? Und was passiert mit uns?

      Eliminiert man die Frage danach, welche Rolle Bewußtsein hier spielt, gerät sämtliche naturwissenschaftliche Forschung schnell zur opportunistisch-pragmatischen Spielerei, die dann eigentlich für uns Menschen mehr oder weniger bedeutungslos wird. Ich weiß, das ist eine harte und extreme Einschätzung. Aber sie ist Ergebnis ebenfalls langjähriger Beobachtungen, die bis in meine frühe Jugend zurückreichen.

  3. Lieber Herr Huemer,
    zunächst einmal möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen ganz herzlich für Ihre beeindruckende, wertvolle und hilfreiche Publikationsarbeit zu danken, mit der Sie so viele unterschiedliche Menschen in respektvoller Weise rund um das Thema Tod und Sterben, und was dies alles für unser Leben bedeutet, zu Wort kommen lassen. Die dazu veröffentlichten Beiträge finde ich sowohl dem Inhalt als auch der Atmosphäre der Gespräche nach außerordentlich ansprechend.
    Beim Lesen dieses Beitrags jedoch überkam mich das Gefühl, dass Sie einen ungewohnt harschen Ton anschlagen, und ich habe mich gefragt, was wohl der Grund dafür ist. Ich selbst habe reichlich Erfahrung mit Bibelfundamentalismus gemacht, und Ihre Ablehnung desselben teile ich voll und ganz. Allerdings scheine ich mir im Laufe meiner eigenen Entwicklung auch eine gewisse Immunität diesem Phänomen gegenüber angeeignet zu haben, die manchmal vielleicht sogar zur Ausblendung neigt. Kurz, ich kann dieses ganze fundamentalistische Geschwätz nicht mehr ernst nehmen. Unterschätze ich hier eine echte Gefahr? Zumindest hierzulande glaube ich das eigentlich nicht, aber ehrlich gesagt weiß ich es auch nicht.
    Was ich hingegen heute mehr denn je weiß, ist, dass ein fundamentalistisches Bibelverständnis weder der altchristlichen Tradition (die v.a. seit Origenes die Kunst der pneumatischen Exegese entwickelt hatte) noch der Bibel selbst gerecht wird. Der Fundamentalismus jeglicher Couleur ist ja eine sehr neuzeitliche Erscheinung: Er übernimmt unreflektiert die Denkformen des von Descartes und Newton geprägten atomistisch-mechanistischen Weltbildes mit seinen dualistischen Trennungen, reduktionistischen Eindeutigkeiten und universalen Geltungsansprüchen, erklärt aber gleichzeitig eine bestimmte, innerhalb dieser Kategorien unkritisch gedeutete „Offenbarungsquelle“ positivistisch für gültig, um so eine Antithese zur neuzeitlichen Säkularisierung mit all ihrer Infragestellung traditioneller Gewissheiten zu etablieren. Genau wie der cartesische Rationalismus sucht der Fundamentalismus nach dem unbezweifelbaren obersten Prinzip und findet es statt im Cogito ergo sum z.B. im Deus dixit einer verbalinspiratorisch verstandenen Lehre biblischer Inerranz. Insofern ist es eigentlich kein Wunder, wenn fundamentalistische Tendenzen in Zeiten eines postmodernen Relativismus noch stärker zutrage treten als etwa zu Zeiten des „Affenprozesses“ von Dayton, als man sich noch an einem klaren Gegner abarbeiten konnte (wobei mir eine deutliche Reaktionsverzögerung zu den Charakteristiken des Fundamentalismus zu gehören scheint, insofern er sich nicht selten argumentativ auf Positionen einschießt, die der Mainstream schon längst hinter sich gelassen hat). Dass die gewünschte Selbstvergewisserung auf diese Weise nicht überzeugend gelingen kann, liegt auf der Hand. Aber das Problem der Gewissheit in einer unübersichtlicher werdenden Welt ist real – und kann m.E. nur durch Stärkung von Vertrauen, das Finden eines tragfähigen Lebenssinns und den Aufbau menschlicher Beziehungen über Grenzen hinweg auf lebenspraktischem Wege gelöst werden. Ich denke, auch Ihre Arbeit kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten!
    Aber zum Schluss noch ein paar Worte zur Bibel, die mir in Ihrem Beitrag doch etwas zu zweifelhaft wegkommt. Die entscheidende Frage ist für mich, ob man die Bibel statisch versteht (als Sammlung ewig gültiger Aussagen), wie Fundamentalisten es tun, oder dynamisch, als Zeugnis und Katalysator eines transformativen Prozesses. Das Großartige an der Bibel ist für mich nicht nur ihre Vielstimmigkeit (im Gegensatz etwa zum Koran), sondern vor allem ihre schonungslose Ehrlichkeit in der Darstellung alles Menschlichen, ihr subversives Potenzial gegenüber menschlichen Machtansprüchen, Gewaltlegitimationen, Selbstrechtfertigungsstrategien (gerade auch in religiöser Gestalt) sowie Unterdrückung und Ausbeutung jeder Art, und nicht zuletzt ihre Fähigkeit zur Selbstkritik etwa in der Überwindung früherer Ausgrenzung durch zunehmende und letztlich auf Universalität zielende Inklusion, wie wir sie bei den Propheten des Alten Testaments (v.a. Jesaja), bei Jesus oder der frühen Kirche finden. Und das aufgrund ihrer Bejahung des fundamentalen Gut-, Geliebt- und Gewolltseins alles Geschaffenen und unter der Hoffnungsperspektive allumfassenden Friedens und Versöhntseins am Ende der Geschichte. Es stimmt: Nach dem oberflächlichen Wortlaut der Bibel wäre Sklaverei legitim, und so wurde auch noch zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs argumentiert. Aber wenn man die von der Bibel angestoßene Dynamik ernst nimmt, wird klar, dass die Abschaffung der Sklaverei genauso dem Geist der Bibel entspricht wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau, auch wenn beides zu biblischen Zeiten noch weit von der Realität entfernt war. Sie haben recht: Die Bibel „benötigt mündige, selbständig denkende Leser mit wacher Empfindungsfähigkeit“. Aber meiner Erfahrung nach lohnt es sich gerade für solche, genau hinzuschauen und auf ihre Worte zu achten, um – oft in unscheinbaren Details – jenen Geist wahrzunehmen, der über alle fundamentalistische Verengung hinauszuführen vermag.

    1. Ich bin selbst ein Theologe und habe eine dynamisch sich entwickelnde Gotteslehre vorgeschlagen, die den Fundamentalismus weit hinter sich lässt. Ich stimme den Ansichten von Herrn Dörr weitgehend zu. Die größte Herausforderung für den Gottesglauben entsteht aber nicht aus dem Fundamentalismus, sondern aus dem Leiden, aus der Erfahrung von Auschwitz und MyLai (Vietbnam). Da steht die Frage nach dem Dabeisein Gottes auf des Messers Schneide. War Gott wirklich in dem kleinen Pipel, dessen grausame Erhängung Elie Wiesel (DieNacht) beschreibt. Wer möchte,kann mich unter meiner Mail kontaktieren.

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