Die Träume der Sterbenden | Christopher Kerr im Gespräch

Es beginnt mit intuitiven Ahnungen. Zwei Wochen vor dem Tod ändert sich der Blick auf das Leben. In äußerst realen „Sterbebettvisionen“ kommt es zur Begegnungen mit bereits Verstorbenen, zu Erlebnissen der Einheit und des Heil-Werdens, die schließlich immer wichtiger werden …

Der US-amerikanische Neurobiologe, Palliativmediziner und Hospizarzt Christopher Kerr hat sich in Studien nach Universitäts-Standards intensiv mit dem Sterbeprozess befasst. In einem Zeitraum von 10 Jahren befragten er und sein Team mehr als 1.400 Hospiz-Patienten. Dr. Kerr kam dabei zum Schluss, „dass wir den Tod nicht fürchten müssen“. Die wichtigsten Erkenntnisse hat er in einem Buch zusammengefasst: „Die Träume der Sterbenden“ (Originaltitel „Death is but a Dream“).

Die Träume der Sterbenden | Christopher Kerr im Gespräch

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Hallo. Guten Tag. Bevor wir beginnen, möchte ich Sie kurz vorstellen. Sie sind Hospizarzt, Palliativmediziner sowie Geschäftsführer und medizinischer Leiter von „Hospice and Palliative Care“, Buffalo, im Staat New York. Ist das richtig? 

KERR: Das ist richtig. 

Das ist eine große Pflegeorganisation, dort werden täglich bis zu 1.000 Palliativpatienten betreut. Und Sie sind auch Forscher auf dem Gebiet der Sterbebegleitung. 

KERR: Ja, Ich habe in Neurobiologie promoviert und bin irgendwie in diesen Bereich hinein gerutscht. 

Sie sind Autor eines Buchs mit dem Titel „Der Tod ist nur ein Traum – Hoffnung und Sinn am Lebensende finden“. Vor etwa zehn Jahren haben Sie ein neues, einzigartiges Forschungsprojekt auf diesem Gebiet begonnen. Sie haben mit Ihrem Forschungsteam beschlossen, Ihre Hospizpatienten persönlich und direkt nach ihren Erfahrungen zu befragen, nach ihren Träumen und Visionen in der Zeit kurz vor dem Tod, in den Monaten, Wochen und manchmal auch Tagen vor dem Tod. 

KERR: Ganz genau. 

Und das wurde in wissenschaftlichen Arbeiten und Studien veröffentlicht. In den Medien wurde viel über Sie berichtet. Bevor wir uns also mit den Erfahrungen Ihrer Patienten beschäftigen, möchte ich Sie noch  fragen: Wie sind Sie denn Hospizarzt geworden? 

KERR: Völlig zufällig. Ich habe als Assistenzarzt einen Antrag gestellt. Ich interessierte mich sehr für die Akutmedizin und fühlte mich mit dem Gedanken an das Sterben nicht wohl. Ich bin nach Buffalo gekommen, weil es in der Nähe meiner Heimat Toronto liegt, um dort als Stipendiat in der Kardiologie zu arbeiten. Ich musste meine Familie erhalten, also habe ich an den Wochenenden als Hospizarzt gearbeitet, ohne dass mir zunächst klar war, was das bedeuten würde. Jedenfalls fing ich an, das nebenbei zu machen. Und nach ein paar Monaten wurde mir klar, dass dies das Sinnvollste ist, was ich je als Arzt getan hatte, und dass ich es, obwohl ich schlecht ausgebildet und schlecht ausgerüstet war, als sehr erfüllend für mich erlebte. 

Ich hatte damit die Möglichkeit, einen geschützten Raum und Zeit für Menschen zu haben, um sie und ihre Familien kennenzulernen, und ich stellte fest, dass es enorm viel zu tun gibt. Dazu gehört, einfach anwesend zu sein. Ich habe diese Arbeit in 20 Jahren nie bereut.

Was hat Sie und Ihr Team zu den Forschungen animiert, welche Erwartungen gab es? 

KERR: Wahrscheinlich waren Wut und Frustration ausschlaggebend. Ich war sehr aktiv in der Ausbildung, etwa von Medizinstudenten. Erfahrungen mit dem Sterben hatte ich keine. Es waren meine Kollegen aus anderen Disziplinen, die mich widerwillig an ein Sterbebett brachten. Ich war nicht von vornherein daran interessiert, aber ich erkannte, dass die Begleitung am Sterbebett für die Patienten und ihre Familie großen therapeutischen Wert hat. Aber als ich versuchte, diese Erfahrungen in der Ausbildung weiterzugeben, wurde mir immer wieder entgegengehalten, dass es für die Relevanz der geschilderten Erlebnisse keine Beweise gäbe. Wir mussten das, was wir in unserer Arbeit erfuhren, also als Lernphase betrachten. Und wir haben die Studien ursprünglich nur durchgeführt, um Beweise zu liefern – in einer Sprache, die Ärzte mögen. Wir verwendeten also entsprechende Werkzeuge, um zu gültigen Aussagen zu kommen oder Verwechslungen auszuschließen, wir führten Listen und Statistiken, wir haben sogar Menschen gefilmt. 

Die große Ironie an der Sache ist, dass wir zwar acht Arbeiten veröffentlicht haben, aber in der medizinischen Fachwelt keine große Beachtung fanden. Trotzdem gingen die Arbeiten um die Welt, die führenden Medien berichteten darüber, und sie wurden in mehreren Ländern und Sprachen veröffentlicht. Die Diskrepanz im Interesse zwischen den Fachleuten, denen wir die medizinische Pflege anvertrauen, und den Menschen, die sie in Anspruch nehmen, ist also beträchtlich. Für Patienten, die am Ende ihres Lebens angekommen sind, und auch für ihre Familien spielt das durchaus eine Rolle.

Sicher! Warum, glauben Sie, war die Reaktion der Ärzte, der Ärzteschaft so verhalten? 

KERR: Ich denke, es ist unbestreitbar, dass wir als Berufsstand und als Gesellschaft den Umgang mit dem Sterben verlernt haben. Ich denke, unsere Pflege ist fragmentiert, so dass wir uns mehr an den Organsystemen orientieren und den Menschen nicht in seiner Gesamtheit behandeln. Wir reden von umfassender Pflege, aber wir bieten sie nicht wirklich an. Ich glaube, dass wir unsere Aufgabe eher darin sehen, reaktiv etwas für jemanden zu tun. Jemandem sagen zu müssen, nichts mehr für ihn tun zu können, ist das Schlimmste. Es bedeutet in Wirklichkeit, nichts mehr an ihm, mit ihm tun zu können – im Gegensatz zum Einfach-nur-da-Sein. Das betrachten wir als eine Form des Verlassens.

Aber diese Vorstellung, dass wir verloren haben, wenn keine medizinische Hilfe mehr möglich ist und nur noch der Trost bleibt, stimmt nicht. Unser ganzes westliches Gesundheitssystem, sogar die Psychiatrie baut auf aktivem Handeln auf. Deshalb gilt jemand, sobald der Sterbeprozess einsetzt, als nicht mehr therapierbar, er fällt von der Klippe. Davor kann dieser Mensch eine millionenschwere Behandlung bekommen. Aber sobald das Sterben einsetzt, gibt es abgesehen von der Hospiz nicht mehr viel Pflege für ihn. So funktioniert das System, in diese Richtung läuft auch die Ausbildung. Wir haben uns an den Gedanken gewöhnt, Menschen einfach gehen zu lassen. So ist das in unserer Gesellschaft. Wir unternehmen etwas, um eine Krankheit zu besiegen. Aber im Hinblick auf das Sterben haben wir unseren Weg verloren.

Die allgemeine Bevölkerung hat Ihrer Arbeit große Beachtung geschenkt. Glauben Sie, dass viele Menschen spüren, dass es in Wirklichkeit Probleme gibt, die endlich bewältigt werden müssen, und dass Ihre Arbeit deshalb ein so großes Echo fand? 

KERR: Ich denke, es hat mehrere Gründe. Erstens haben viele Menschen eigene Erfahrungen gemacht, die das bestätigen, was wir herausgefunden haben. Der klinische Kontext hilft ihnen dabei, es zu verstehen. Viele Reaktionen, die ich bekomme, lauten: Ich habe so etwas auch erlebt, aber ich habe es nicht verstanden. Also vielen Dank!

Und zweitens erleben wir derzeit, glaube ich, einen kulturellen Wandel, auch in der Verlagswelt. Vor 15 Jahren konnte man kein Buch mit dem Wort Tod im Titel veröffentlichen. Und jetzt gibt es sogar Todescafés, Gespräche über den Tod und auch Bücher darüber finden Anklang. Ich glaube, wenn die Babyboomer älter werden, wollen sie mit den Ärzten über ihr Lebensende sprechen. Wir werden also mehr Kommunikation über diese Themenbereiche erleben.

Sie sagen, einer der wichtigsten Einwände zu den Erlebnisberichten der Patienten sei, es handle sich dabei um Träume, Halluzinationen oder schlimmstenfalls um Delirien. Was sagen Sie selbst zu solchen Annahmen?

KERR: Dass sie alle nicht stimmen. Und deshalb war es wichtig, die Patienten zu filmen. Unsere Studien sind von der Universität genehmigt. Wer daran teilnimmt, darf nicht verwirrt oder dement sein. Wir testen diese Dinge bei jeder Befragung. Wir überprüfen die Laborwerte, ob Infektionen vorliegen und ob die Menschen kognitiv in Ordnung sind. Die Patienten zeigen oft sogar eine erhöhte Aufmerksamkeit. Und zur Frage der Verwirrung – ganz klar: Wenn jemand verwirrt ist, scheidet er für die Studie aus.

Bei den meisten Menschen, die vom Leben in den Tod gehen, verändert sich der mentale Status, insbesondere in den letzten Tagen, Stunden oder Minuten ihres Lebens. Das ist einfach Tatsache. Delirien kommen dabei erschreckend häufig vor.

Aber in unserer Studie geht es nicht um diese letzten Momente, sondern um einen Zeitraum, der sich manchmal über viele Monate erstreckt. Es handelt sich hier also um Menschen, die hochgradig aktiv sind. Viele von ihnen sind noch völlig selbständig, fahren Auto, bezahlen ihre Steuern und so weiter. Es handelt sich also nicht um solche Patienten, die am Ende ihres Lebens nur noch nach Luft ringen. Sie im Video zu beobachten, unterstreicht die Glaubwürdigkeit dieser Fälle.

Was Träume oder Visionen anlangt, stehen wir vor sprachlichen Schwierigkeiten, denn wir haben für das, was die Patienten erleben, keine anderen Begriffe. Wir hören aber sehr häufig: „Nein, das sind keine Träume“ oder: „Ich träume normalerweise nicht“. Und wenn wir darum bitten, das Realitätserleben auf einer Skala von 0 bis 10 zu beschreiben, dann wird normalerweise 10 genannt. Das Erlebte wirkt also in höchstem Maß realistisch. 

Eine Erklärung dafür wäre, dass sich die Schlafarchitektur bei Krankheit verändert. Man schläft mehr, und eine Überlegung geht dahin, dass die Menschen vielleicht luzide träumen. Da aber in einer Studie festgestellt wurde, dass diese Erlebnisse im Wachzustand genauso oft vorkommen wie im Schlaf, gibt es eigentlich keine Erklärung dafür. Trotzdem verwenden wir den Begriff Traum, weil das unser einziger Bezugspunkt ist.

Und sehen Sie einen Unterschied zwischen Traum und Vision? 

KERR: Ja, theoretisch schon, man schläft entweder oder man ist wach. Dennoch sehen wir keinen qualitativen Unterschied. Das Erleben fühlt sich in jedem Fall extrem real an und wird im vollen Wachzustand erlebt. Es war für die Betroffenen ein echtes Ereignis – das ist es, was wir am häufigsten von unseren Patienten hören. Und ich denke, das ist auch einer der Gründe, warum dieses Erleben so tiefgreifende Auswirkungen auf sie hat. Sie fühlen sich von diesem Traumerleben nicht getrennt, sondern bleiben ihm verbunden.

Welche konkreten Auswirkungen haben die Erlebnisse auf die Patienten?

KERR: Die überwiegende Mehrheit der Patienten, fast 90 Prozent, beschreibt die Erfahrungen als beruhigend und bedeutungsvoll. In der Regel erleben sie alle eine tiefe Erholung. Sie kommen wieder mit Menschen zusammen, die sie geliebt und verloren haben, mit ganz bestimmten Menschen, denen sie eng verbunden waren. Wenn es ein Bedürfnis nach Vergebung oder Versöhnung gibt, wenn noch eine Art Wunde existiert, wird die Heilung zum Thema. So beispielsweise auch Schuldgefühle, die aus einem Krieg resultieren, und ähnliches.

Wir haben eine sehr interessante Studie durchgeführt, in der wir den Sterbeprozess als posttraumatisches Wachstum betrachteten, wobei das Sterben das Trauma darstellt. Die Frage lautete: Gibt es positive psychologische Effekte? 

Faszinierend ist, dass die Patienten durch ihre Erfahrungen tatsächlich an Einsicht und Verständnis gewinnen. Es gibt also dieses seltsame Paradoxon beim Sterben, dass mit dem körperlichen Verfall bis zum Ende ein psychologischer oder spiritueller Aufschwung einher geht. Wenn Sie also nach den Auswirkungen fragen: Das Erleben verändert die Wahrnehmung der Menschen, ihre Gefühle. Es verringert definitiv die Angst vor dem Sterben. Es verschafft ihnen Einsichten, die sie bislang noch nicht hatten. Das Wichtigste ist aber, denke ich, das Gefühl einer Einheit, in die man zurückkehrt. Zeit spielt dabei keine Rolle. Wer also einen Elternteil in der Kindheit verloren hat, spürt seine Gegenwart und Liebe wieder. Und dieses Erleben von Zusammengehörigkeit wirkt innerlich erneuernd. 

Was bedeutet das für die Praxis? Welche Ansätze wären in der Hospizarbeit, in den Krankenhäusern oder allgemein in der Palliativmedizin nötig?

KERR: Sterben wirkt von Natur aus isolierend. Das wird noch verstärkt, wenn man nicht wenigstens ein gewisses Maß an Ehrfurcht vor diesem Prozess hat. Man sollte wissen, dass Sterbende einen anderen Blickwinkel haben, andere Wahrnehmungen oder Vorstellungen. Das sollte zumindest respektiert werden. Das Sterben ist weniger eine physische Angelegenheit als ein grundlegender Umbruch. Auf der subjektiven Erfahrungsebene geschieht etwas sehr Tiefgreifendes. Und es ist wichtig, das zuzulassen. Zu den schlimmsten Dingen, die passieren können, gehört, einen Menschen durch die Behandlung mit Medikamenten in seinem eigenen Sterbeprozess zu behindern, ihm das Gefühl zu geben, allein zu sein, anstatt zu sagen: „Hey, es ist ganz normal, dass genau das jetzt passiert!“ – und dem Betroffenen damit auch die Möglichkeit zu geben, über seine Erlebnisse zu sprechen.

Welche Medikamente meinen Sie zum Beispiel? Starke Beruhigungsmittel?

KERR: Ja, das kommt durch falsche Diagnosen häufig vor. Es ist sehr einfach, diese Erfahrungen auszulöschen. Manchmal tun wir das absichtlich, weil das Erleben des Patienten so intensiv war, dass es seinen Schlaf stört. Und es ist sehr schwer, ruhig zu sterben, wenn man nicht schlafen kann. Aber die meisten Menschen genießen ihre Erfahrungen. 

Wann kommt es zu den Erlebnissen? Tage vor dem Tod? Oder sind es Wochen?

KERR: Im Durchschnitt beginnt es etwa zwei Wochen vor dem Tod. Nach unserer ursprünglichen Studie, an der mehr als 500 Personen teilnahmen, waren wir überrascht, wie viele Menschen diese Erlebnisse an der Zwei-Wochen-Marke hatten. Also erweiterten wir den Zeitraum. Oft wird der Tod schon intuitiv erahnt. Im normalen Alltag machen wir uns Gedanken über Steuern, Rechnungen, Termine oder was auch immer. Mit dem nahenden Tod ändert sich der Blickwinkel. Man denkt darüber nach, was im Leben wirklich wichtig ist. Dabei geht es in der Regel um Beziehungen. 

Wir beobachten diese Blickwinkel-Änderung bereits einige Monate vor dem Tod. Und sie erlangt zunehmend große Bedeutung in der letzten Lebensphase. Die Menschen schließen immer wieder die Augen, um innerlich zu diesen wirklich wichtigen Gegebenheiten zurückzukehren.

Welche Themen prägen diese Erlebnisse, die Träume oder Sterbebettvisionen?

KERR: Nun, mehr als ein Drittel der Menschen träumt von Reisen oder von der Vorbereitung auf etwas, das zu Wachstum führt. Darin zeigt sich ein schönes Gleichnis, auch wenn diese Verbindung von den Menschen nicht erkannt wird. Oft ist jemand bei ihnen, ein Führer, eine Präsenz, die beruhigend wirkt und Trost spendet. Bis zu 70 Prozent begegnen anderen Menschen, die bereits gestorben sind. Interessanterweise aber keinen Personen, die ihnen geschadet oder sie nur bedingt geliebt haben. Man kann also durchaus dem einem Elternteil begegnen, aber dem anderen nicht. 

Zusammenfassend könnte man sagen, es findet ein Erbauungs-Prozess statt. Dabei können auch geliebte Haustiere eine Rolle spielen. Religiöse Themen kommen dagegen außerordentlich selten vor, obwohl Glaubenslehren an sich ja durch die Ideen von Liebe und Vergebung geprägt sind. 

Interessant ist, dass die Häufigkeit der Sterbebettvisionen dramatisch zunimmt, je näher der Mensch seinem Tod kommt. Dabei ändern sich auch die Inhalte. Bereits Verstorbene werden nun deutlich häufiger wahrgenommen als noch Lebende. Und dieses Thema, die Begegnung mit Verstorbenen, spendet auch – auf einer Skala von 0 bis 5 – am meisten Trost. Es ist also eine Art Mechanismus erkennbar: Je näher man dem Tod kommt, desto mehr fühlt man sich Menschen zugetan, die man geliebt und verloren hat, und das wirkt überaus tröstlich. 

Und wie kann man das erklären? 

KERR: Ich weiß es nicht. Natürlich ist alles, was man über die Zeit kurz vor dem Tod herausfindet, auch Futter für die Frage, was denn danach passiert. Wir schauen wie durch ein Schlüsselloch, und was wir sehen, könnte nun weiter in Richtung Paranormalität, Religiosität oder Spiritualität führen. Aber wir sind sehr bemüht, lediglich die Zeit vor dem Tod zu betrachten, ohne zu extrapolieren. Denn das ist ein Mysterium für sich. Wir wollen ausschließlich die Erfahrungen der Patienten übersetzen, und uns um die Hinterbliebenen kümmern, nicht aber irgendetwas daraus ableiten. Also: Ich habe keine Erklärung. 

Sie versuchen also gar nicht, eine Antwort auf die Frage zu finden, was nach dem Tod passiert? 

KERR: Nein, überhaupt nicht. 

Und das funktioniert gut? 

KERR: Nein. Denn jeder will das wissen. 

Wohl auch die Angehörigen und die Patienten, die betroffenen Menschen selbst …

KERR: Interessant erscheint mir folgende Beobachtung. Wenn man über Nahtoderfahrene liest, so fällt auf, dass diese Menschen fast immer mit einer völlig veränderten Persönlichkeit aus diesem Ereignis zurückkommen. Sie treffen nun andere Entscheidungen, haben weitreichende Erkenntnisse und wollen Botschaften vermitteln, um Verständnis zu vermitteln. Aber Menschen, die tatsächlich sterben und diese Erfahrungen machen, tun das überhaupt nicht. Sie analysieren nicht, es gibt keine theoretische Aufarbeitung, die Zeit für die Therapie ist vorbei. Ich hatte noch nie einen Patienten, der nach einer solchen Erfahrung gefragt hätte: „Was denken Sie, bedeutet diese Metapher?“ Man kann in den Videos sehr gut erkennen, dass die Patienten von gelebten Ereignissen berichten und deren Bedeutung intuitiv erfassen. Sie müssen nichts verarbeiten, weil sie einfach im Erleben stehen. Sie brauchen sich nicht weiter damit zu befassen, sie scheinen es einfach zu verstehen. Wenn ich ihr Gefühl erraten sollte, würde ich meinen, dass sie spüren, nicht allein zu sein und geliebt zu werden. Sie wissen, es wird ihnen gut gehen. 

Auch an Kindern haben wir das Gleiche beobachtet. Sie haben oft zwar keinen Menschen gekannt, der gestorben ist, aber vielleicht ein Haustier, und ihnen wird durch ihre Erlebnisse genauso klar, dass sie nicht allein sein werden, dass sie Liebe erfahren werden, dass alles in Ordnung ist. Die Angst vor dem Sterben schwindet definitiv.

Wie kommen die Kinder im Allgemeinen mit dem Sterbeprozess zurecht? Es ist ja schon für die Eltern sehr schwer, ihre Kinder sterben zu sehen.

KERR: Wir haben dazu Fallstudien veröffentlicht. In unserem Buch gibt es ein Kapitel darüber. Kinder reagieren anders. Sie bedauern nichts. Sie haben oft keine Worte für Sterblichkeit, Tod oder Endgültigkeit. Aber irgendwie werden sie durch diese Prozesse sehr selbstbewusst. Wenn es eine medizinische Prognose gibt, verstehen sie, dass sie sich in einem finalen Krankheitsstadium befinden. 

Sie neigen dazu, sich eigne Welten zu erschaffen. Ein Mädchen zum Beispiel, von dem ich in dem Buch berichte, erzählte immer wieder von einem Schloss, in das es sich zurückzog. Dort waren auch alle verstorbenen Tiere, die es gekannt hatte, Katzen, Vögel. Es war warm und lichtvoll an diesem Ort, es gab auch einen Swimmingpool. Und als es gefragt wurde, welche Bedeutung dieser Ort habe, antwortete das Mädchen: „Es ist ein sicherer Ort.“

Während des gesamten Krankheitsverlaufs zog es sich immer wieder in dieses Schloss zurück. Es war der Ort, den es sich für den Sterbeprozess kreierte, über den es sich sehr bewusst war.

Mich hat lange Zeit die Frage beschäftigt, wie man es richtig anstellt, Gespräche mit sterbenden Kindern zu führen. Dann habe ich festgestellt, dass das gar nicht nötig ist. Sie ziehen aus ihren inneren Erfahrungen sowieso eigene Schlüsse. 

Es geht also eher darum, einfach präsent zu sein. Haben die Kinder auch das Bedürfnis, ihre Erfahrungen zu teilen?

KERR: Ja. Das Auffallendste bei Kindern ist wohl, dass sie völlig unreflektiert erzählen. Es fließt einfach aus ihnen heraus. Wir haben zum Beispiel ein Mädchen gefilmt, das sich darum sorgte, wie es wohl ohne seine Mutter, die es allein großgezogen hatte, zurechtkommen würde. Die beste Freundin ihrer Mutter war Jahre zuvor gestorben. Und nun sieht das Mädchen eines Tages diese Freundin ihrer Mutter im Zimmer mit den Vorhängen spielen und sagt, was man so oft hört: „Ich werde nicht allein sein.“ 

Auch in diesem Fall erlebte das Mädchen, was es am meisten brauchte: eine mütterliche Figur. Aber interessanterweise wollte es von dieser Begebenheit nichts erzählen, um ihre Mutter damit nicht zu belasten – obwohl es sich voll darüber bewusst war, sterben zu müssen. Das Mädchen war 13.

Und wie reagierten die Eltern? 

KERR: Darüber haben wir auch einiges veröffentlicht: Bemerkenswert positiv! Ich denke, wenn ein geliebter Mensch im Sterbebett liegt, stellen wir uns alle die Frage: Wo ist er, wenn seine Augen geschlossen sind? Geht es ihm gut? Normalerweise wird viel über das körperliche Wohlbefinden gesprochen, das auch relativ leicht zu erreichen ist und sich in dieser Phase meist von selbst einstellt. Aber wo ist der Mensch? Ist da nur Leere? Ist er in Bedrängnis? Wir haben zwei Studien mit über 750 Hinterbliebenen durchgeführt. Dabei zeigte sich ein faszinierender Zusammenhang: Was gut für den Patienten ist, ist auch gut für seine Angehörigen. Seine Träume und Visionen helfen auch ihnen enorm in ihrer Trauer. Wir konnten das eindeutig messen.

Oft geht es ja um gemeinsame Erfahrungen. Angenommen, ein Paar hat vor Jahrzehnten ein Kind verloren, und nun kommuniziert einer der Partner in seinem Sterbebett mit diesem Kind, er sieht es, hält es. Für den anderen Partner steht der drohende Verlust damit in einem völlig neuen Zusammenhang. Er assoziiert damit keine Leere, sondern ist wieder der vertrauten Liebe verbunden.

Es stellt sich also – nicht weiter überraschend – heraus, dass die Art und Weise, wie jemand stirbt, einen großen Einfluss auf den Trauerprozess der Angehörigen hat, wie sie ihren Verlust verarbeiten und sich erinnern werden. 

Wenn es um den Verlust eines Kindes geht, gilt das umso mehr. Kinder kommunizieren die inneren Erfahrungen, die sie machen, so offen und unzweifelhaft, dass die Eltern sie nicht in Frage stellen. Beispielsweise ist auf einer unserer Videoaufzeichnungen eine Mutter zu sehen, die erzählt, wie sehr sich ihre eigenen Gefühle durch die Sterbebettvisionen ihres Kindes verändert haben, so dass jetzt auch sie an diese Wirklichkeit glaubt.

Waren die Menschen immer ohne weiteres bereit, bei den Studien mitzumachen? 

KERR: Das ist eine Geschichte für sich, denn eines unserer Probleme mit dem Sterben ist, dass wir den Prozess als etwas so Unantastbares betrachten, dass wir Sterbende in einer sterilen Umgebung halten und sie nicht stören wollen. Es war also nicht einfach, eine Universität zu überzeugen, solche Studien zu genehmigen. Aber faszinierend war, dass keine einzige Person, an die wir uns wandten, es ablehnte, daran teilzunehmen. Und interessanterweise erzählten die Menschen dann offen wirklich alles – auch von den oft harten Seiten in ihrem Leben –, die ungeschminkte Wahrheit. Obwohl sie dadurch natürlich keinen Gewinn für sich hatten. Und das gibt Hoffnung, finde ich. Denn es zeigt, dass Menschen auch im Sterbeprozess nicht aufhören zu leben. Sie wollen etwas Relevantes tun, mit der Gesellschaft verbunden sein. Sie möchten gehört werden. Und das ist eine echte Lektion. Die meisten Sterbenden schauen viel lieber jemandem in die Augen als auf eine weiße Decke, auch wenn ihr Gegenüber ein Fremder ist, und sie sind bereit, ihre Geschichte zu erzählen. 

Interessant ist auch, dass niemand verlangte, unter anderem Namen aufzutreten …

… als die Personen gefilmt wurden?

KERR: Ja, und auch für das Buch. Die Menschen empfanden das alles in der Regel einfach als befreiend. Es kam zwar immer wieder vor, dass eine ältere Frau beispielsweise meinte: „Okay, es macht mir nichts aus, gefilmt zu werden, aber ich möchte mir vorher meine Haare machen.“ Aber im Allgemeinen gaben sich alle einfach, wie sie sind. 

Glauben Sie, dass Sie einen repräsentativen Teil der Bevölkerung befragt haben, oder gab es doch auch Tendenzen, die das verhinderten? 

KERR: Ja, ich denke, die gibt es. Wir haben im Hospiz gearbeitet, also mit Menschen, denen klar war, dass sie bald sterben werden und die bereit waren, sich auf ein Programm einzulassen, im dem es um ihren Tod geht. Ich glaube nicht, dass das einen großen Unterschied zum Erleben anderer Menschen ausmacht. Was wir nicht erfasst haben, sind akute Todesfälle, also den unerwarteten oder plötzlichen traumatischen Verlust, das sind etwa 10 Prozent aller Fälle. Aber es gibt einige interessante Beobachtungen. Sagt Ihnen der Name George Floyd etwas?

Ja! Er wurde von einem Polizisten getötet.

KERR: Ja, und wissen Sie, was seine letzten Worte waren? Er rief nach seiner Mutter. Es gab Aussagen wie: „Mein Leben ist vor meinen Augen vorbei gezogen.“ 

Ich weiß nicht, wie man so etwas näher untersuchen könnte. Jedenfalls – ja, es gibt Einschränkungen. Ich denke, dass bestimmte Minderheitengruppen und Glaubensgemeinschaften in unserer Studie unterrepräsentiert sind. 

Interessanterweise sind Erfahrungen, wie wir sie dokumentiert haben, in älteren Kulturen, Zivilisationen und Glaubenssystemen eher in das kollektive Denken eingebettet. Man hält auf diesem Weg die Verbindung zu den Vorfahren aufrecht, sie kehren zur Gemeinschaft zurück.

Ich arbeite selbst als Allgemeinmediziner und erlebe auch eine andere Seite der Begleitung am Sterbebett, nämlich Menschen und Familien, die damit sehr zu kämpfen haben. Nicht nur wegen der Schmerzen ihrer Angehörigen, sondern es wird eben auch berichtet, dass sie halluzinieren oder etwas gesehen haben, was nach meinem Eindruck die Familienmitglieder in der Regel beunruhigt.

KERR: Das ist eine wichtige Beobachtung, und ich glaube, dass es hier eine Grauzone gibt. Delirien sind am Ende des Lebens sehr häufig. Und es ist schwer, solche Zustände von echten Sterbebettvisionen  auseinanderzuhalten, ich denke sogar, dass jemand auch beides erleben kann. 

Veränderungen in den geistigen Funktionen werden von den Familienmitgliedern oft als entmenschlichend oder depersonalisierend empfunden. Sie sehen ihren Angehörigen dadurch entwürdigt, was natürlich automatisch verstörend wirkt. Aber es ist faszinierend zu beobachten, wie sich die Menschen mit der Zeit dem Bett nähern, wenn man sie über die Vorgänge aufklärt.

Vor nicht allzu langer Zeit beobachtete ich morgens eine Tochter, die in der Ecke des Zimmers mit dem Sterbebett ihrer Mutter saß, während diese in ihren Erlebnissen in ihre Muttersprache Polnisch zurückfiel, viele Anspielungen machte und dazwischen immer wieder einzuschlafen schien. Ich erklärte der Tochter, das so etwas häufig vorkomme und erzählte über solche Erfahrungen. Und als ich am nächsten Tag wieder ins Zimmer komme, steht sie direkt am Bett der Mutter und macht sich Notizen. Sie erfährt von den Kindheitsfreunden ihrer Mutter, ihren Haustieren und ihren Großeltern, die sie als Tochter nicht kannte. 

Ich sehe es als Aufgabe unserer Klinik, Schmerzen zu lindern – und dazu zählt auch das Unbehagen von Familienmitgliedern, die solche Begebenheiten nicht zu deuten wissen. Das ist meine Erfahrung. 

In Ihrem Buch beschreiben Sie interessanterweise auch, dass nicht alle Erlebnisse angenehm sind.

KERR: Nein. Man stirbt so, wie man gelebt hat. Vor allem, wenn man traumatisiert war, kann das Nachwirkungen haben. Wir haben in unserer frühen Arbeit den Fehler gemacht, die Erlebnisse einfach als tröstlich, neutral oder beunruhigend einzustufen, und etwa 13 Prozent sind als wirklich beunruhigend aufgeführt. Aber diese Erlebnisse sind oft am transformativsten. Sie gehören letztlich zu den bedeutungsvollsten. 

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Eine Frau hatte sich selbst und ihre Fähigkeiten als Mutter in Frage gestellt, weil ihr Kind drogensüchtig geworden und wegen damit verbundener Straftaten im Gefängnis gelandet war. Selbstvorwürfe prägten ihre Persönlichkeit. Und dann, am Ende ihres Lebens, begegnete diese Frau ihren verstorbenen Eltern, und die versichern ihr voll Anerkennung, dass sie doch eine sehr gute Mutter gewesen sei.

Das vielleicht beste Beispiel betrifft einen Kriegsveteranen, der seit 67 Jahren an einer posttraumatischen Belastungsstörung litt und den Horror des D-Day immer wieder erlebte. Er war auf einem Schiff, das Menschen von der Küste abholte. Aber im Sterbebett träumte er schließlich, dass Soldaten sich in dieser Situation ihm zuwandten und er an dem Tag seine Entlassungspapiere erhielt. Dieser Traum verleugnete das Trauma also nicht, aber er transzendierte es und brachte das Erleben auf eine andere Ebene. Und danach konnte der Veteran schlafen und friedlich sterben. Menschen erleben Horror also nicht um seiner selbst willen. Das schreckliche Erleben führt in der Regel zu wertvollen Erfahrungen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie nacheinander zwei Begebenheiten. Die eine handelt von einem Polizisten, und dann war da noch jemand …

KERR: Dwayne!

Ja, er hatte Kehlkopfkrebs, richtig?

KERR: Ja. Er hatte auf der Straße zwei Menschen zur eigenen Verteidigung getötet. Und nun, als sein Leben zu Ende ging, kam es ihm vor, als würde er von den Menschen, denen er Schlechtes getan hatte, genau an der Stelle seines Krebses am Hals erstochen. Wir haben das Interview mit ihm gefilmt. Zunächst erzählte er uns gar nichts von dieser Begebenheit und gab sich sehr unbeschwert. Als wir dann aber nachfragten, ob es noch andere Träume gäbe, dekompensierte er plötzlich und erzählte die Geschichte, wie er aufgehalten wurde. 

Dwayne war einer dieser Typen, die nie zurück schauen. Er war immer zu Scherzen aufgelegt und unbeschwert. Aber nachdem er diese Träume erlebt hatte, wollte er plötzlich seine Tochter sehen, sie um Vergebung für seine Unzulänglichkeiten bitten und ihr endlich sagen, wie sehr er sie liebe. Zum ersten Mal sprach er also reuevoll über sein Leben. Das war eine enorme Veränderung. Die Träume hätten keine größere Wirkung haben können. Wir haben dann auch die Tochter interviewt. Sie erzählte, wie viel es ihr bedeutete, diese Veränderung ihres Vater zu beobachten. 

Das ist auch auf Film dokumentiert …

KERR: Ja, einerseits gingen die Aufnahmen im Rahmen eines Netflix-Specials mit dem Titel „Surviving Death – Den Tod überleben“ um die Welt, in Episode fünf. Und andererseits entstand eine PBS-Dokumentation mit dem Titel „Death Is But a Dream“, die dort regelmäßig gezeigt wird. Einige der Videos sind auch auf unserer Webseite zu sehen: drchristopherkerr.com Ich kann nur empfehlen, sich diese Filmdokumente anzuschauen, denn mit dem, was ich hier erzähle, kann ich den Patienten einfach nicht gerecht werden. Auf den Filmen sehen Sie viel über unsere Arbeit.

Sie haben es vorhin erwähnt, und eines der Kapitel in ihrem Buch trägt auch diesen Titel: „Wir sterben so, wie wir gelebt haben“. Wie viel Wahrheit birgt dieses Sprichwort? 

KERR: Sehr viel! Die Wahrheit, der wir nicht entrinnen können, ist, dass sich die Art, in der wir unser Leben geführt haben, unweigerlich auch am Lebensende zeigt. Allerdings wirkt das nach unseren Beobachtungen nicht als Bestrafung. Wenn also jemand in seinem Leben unzweifelhaft Böses getan hat, gilt er deshalb nicht zwangsläufig als ausschließlich böse. Die Würde des Menschen spielt immer eine größere Rolle als es von außen betrachtet den Anschein hat.

Haben Sie ein Beispiel für Erlebnisse in dieser Richtung?

KERR: Da war eine Frau, die schon als Kleinkind das Elternhaus verlassen musste. Sie wurde in einem Heim untergebracht, in dem Kinder misshandelt wurden, so dass es schließlich geschlossen werden musste. Diese Frau hatte nie zu lieben gelernt. Sie sagte zum Beispiel: „Ich sehe Menschen, die einander im Fernsehen küssen, aber ich verstehe es nicht.“ Männer waren für sie Objekte, die man benutzen konnte. Aber sie fühlte im Innersten nicht wirklich etwas. Und so sah sie sich am Ende ihres Lebens über ihren Mitmenschen schweben, aber nicht mit ihnen interagieren. Jedoch gab es einen Mann, der ihr gegen Ende ihres Lebens seine Liebe gestand. Sie glaubte ihm zunächst nicht. Aber dann, als er zu ihr ans Sterbebett kam, konnte sie zum erste Mal doch erfahren, was Liebe ist. 

Ihr Sterbeprozess stand also im Einklang mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Leben. Es war kalt, einsam, ohne menschliche Verbindung. Aber dann geschieht etwas Erlösendes, sie kann doch noch Liebe zeigen, und sie hat zum ersten Mal das Gefühl, diese Erfahrung wirklich zu kennen. 

Liebe – dieses Thema spielt auch in Ihrem Buch eine sehr wichtige Rolle.

KERR: Ja, und zwar nicht auf Grund irgend einer Hypothese. Ich glaube, was wir in Bezug auf das Sterben verstehen müssen, ist, dass unser Lebensabschluss durch unsere menschlichen Beziehungen definiert wird. Wie Terry Egan schrieb, ist unsere erste und letzte Kirche und unsere wichtigste Schule immer die Familie. Dort zeigen wir unsere Liebe, dorthin orientieren wir uns. Letzten Endes geht es um alle unsere Beziehungen. Faszinierend dabei ist die Tatsache, dass in Sterbebettvisionen sehr oft Menschen, die dem Sterbenden ihre Liebe verweigert haben, einfach nicht vorkommen. 

Also Menschen, die durch ihre Lieblosigkeit enttäuscht haben …

KERR: Ja, genau. Es gibt zum Beispiel die wunderbare Geschichte einer Frau, die wir auch filmen konnten. Sie lebte in Cleveland, Ohio, und hatte eine deutsche Mutter, die anspruchsvoll und grausam war und sich nie um sie gekümmert, sie nie berührt oder gesagt hatte: „Ich liebe dich“. Aber diese Frau hatte einen wunderbaren irischen Vater, der Musik und Tanz liebte. Er war Postbote. Zu Hause war die Stimmung humorlos und kalt, aber es gab auch ganz andere Momente im Leben: Wenn sie als Kind mit ihrer Arbeit fertig war, durfte sie zu einer Waldlichtung gehen, um dort ihren Vater zu treffen und mit ihm Hand in Hand seine Tour zu beenden. Dabei sangen sie gemeinsam Lieder. An ihrem Lebensende erlebte diese Frau immer wieder die Lichtung im Wald. Sie begegnete ihrem Vater, der ihre Hand hielt, und sie gingen gemeinsam des Wegs. Ihrer Mutter begegnete sie hingegen nie.

Da gab es auch einen Mann, der als Jugendlicher einen Arm verloren hatte. Zwei seiner sieben Geschwister hänselten ihn wegen dieser Verletzung gnadenlos. Dieser Mann sah die anderen fünf in den Träumen am Lebensende immer wieder, die beiden aber tauchten nie auf. Interessant dabei ist, dass seine Verletzung wohl auch psychische Ursachen hatte. Sie trat in einem Alter auf, in dem Fragen des Selbstzweifels – „Was soll ich tun? Wie kann ich unabhängig und wertvoll sein?“ – sehr an ihm genagt hatten. In seinem letzten Traum kamen alle, mit denen er zusammenarbeitet hatte, an sein Bett und versicherten ihm, dass er in seinem Job besser sei als alle anderen. 

Und das ist ein weiteres gemeinsames Thema der Erlebnisse: Seelische Wunden scheinen immer irgendwie angesprochen zu werden.

Handelt es sich tatsächlich nur um beruhigende Träume, die es den Menschen ermöglichen, sich wohl zu fühlen und Frieden zu finden, oder glauben Sie, dass da mehr dran ist? 

KERR: Ich weiß nicht, worum es sich handelt. Sicherlich nicht um Träume im üblichen Sinn. Das behaupte ich aus mehreren Gründen. Unsere Patienten sagen ganz klar und überzeugend: „Nein, das sind keine Träume“ oder: „Normalerweise träume ich nicht“ oder: „Nein, das war etwas Reales, in das ich verwickelt war“. Jemand kann zum Beispiel in seinen Erfahrungen ein Familienessen erlebt haben und mit dem Gefühl herauskommen, satt zu sein, als hätte er wirklich gegessen. Die Menschen erleben also kein entferntes Ereignis, sondern sie machen echte Erfahrungen, in die sie involviert sind. Und das ist einer der Gründe, warum ihre Erlebnisse im Wachzustand so stark nachwirken, weshalb die Patienten messbar verändert sind. Normale Träume führen nicht zu diesem Effekt. 

Die Erlebnisse beinhalten auch nicht all die metaphorischen, komplizierten symbolischen Gegebenheiten, die wir aus Träumen kennen und deren Bedeutung wir ergründen wollen. Die Leute kommen nicht aus solchen Erfahrungen heraus und erzählen, sie hätten einen weißen Vogel gesehen, aber es sei ihnen nicht ganz klar, was er symbolisiert. So etwas gibt es nicht. Die Menschen werden nicht mit Fragen zurückgelassen. Sie werden mit Antworten zurückgelassen. Und das unterscheidet diese Erlebnisse sehr stark von Träumen, die man nach dem Aufwachen zu entschlüsseln versucht. Die Menschen kommen einfach mit größerem Verständnis heraus. Wenn es sich also um Träume handelt, dann um eine ganz andere Art als üblich.

Es gibt also nichts zu interpretieren, es sind einfach Erlebnisse …

KERR: Ja. Mir hat noch nie jemand gesagt: „Ich hatte den seltsamsten Traum, aber ich bin mir nicht sicher, was das bedeutet.“ Die Menschen erleben die Dinge einfach.

Eines der Kapitel in Ihrem Buch betrifft das Thema, wie Kinder über den Tod sprechen. Unterscheidet sich deren Sprache von der seiner Eltern, also der Erwachsenen? 

KERR: Ja. Wie ich schon sagte: Kinder haben nicht die gleichen Bezugspunkte. Sie haben vielleicht niemanden gekannt, der gestorben ist. Und sie sprechen nicht wie Erwachsene über die Sterblichkeit, weil sie in der Gegenwart leben. Sie bedauern ihr bisheriges Leben nicht. Es gibt vieles, was sie von dem, was mit ihnen geschieht, nicht verstehen. Aber sie haben ein tiefes Verständnis dahingehend, dass es ihnen gut ergehen wird. Sie beschreiben das sehr farbenfroh, kreativ. Sie erleben die Situation anders. Sie sagen sehr offen, was diese Erfahrungen für sie bedeuten.

Wie ein Mädchen, Ginny, von dem Sie auch berichten …

KERR: Ja, genau. Sie hatte einen sehr religiösen Traum, das war eine faszinierende Begebenheit. Ihre Mutter verwendete ein Babyfon, um mitzuverfolgen, wie es ihrer Tochter im Nebenzimmer ging. Sie starb an einem Freitag, und am Montag davor hatte ihre Mutter über das Babyphon etwas gehört. Sie ging ins Zimmer und fragte ihre Tochter, ob sie etwas brauche. Sie würde sie immer wieder sprechen hören. Und die Tochter antwortete: „Ich rede nicht mit dir. Ich spreche mit Gott.“ Und sie beschrieb ihn als einen gut aussehenden alten Mann. Dabei war dieses Mädchen nie in der Kirche gewesen oder getauft worden, denn ihre Familie war überhaupt nicht religiös. Aber es war für alle okay. Bald danach wachte das Mädchen nicht wieder auf. Für die Mutter hatte das Erleben ihrer Tochter eine sehr große Bedeutung – und das, obwohl sie selbst, wie gesagt, überhaupt nicht religiös war.

Was machen Sie mit den Ergebnissen Ihrer Arbeit? Suchen Sie den Kontakt zu anderen Ärzten oder Bildungseinrichtungen?

KERR: Was Ärzte anlangt, bin ich nicht optimistisch. Es gibt welche, denen das Verständnis für solche Träume und Visionen im Blut liegt, aber es wird kein Onkologe auftauchen, dem solche Begebenheiten plötzlich ein Anliegen sind. Wenn man einen für dieses Thema aufgeschlossenen Arzt findet, dann beruht das in der Regel auf dessen persönlicher Erfahrung, nicht auf einer beruflichen. Bei Krankenschwestern und -pflegern sehe ich das ganz anders. Je näher jemand direkt mit der Betreuung von Patienten befasst ist, desto besser versteht er diese Phänomene.

Ich denke, der wahre Wert unserer Arbeit liegt darin, dass die nichtmedizinische Welt, Menschen, die von Krankheit betroffen sind und ihre Betreuer, ihren Geist und ihr Herz dafür öffnen. Und das funktioniert nachweislich. Also denke ich, dass die Erkenntnisse genau dort richtig adressiert sind.

In einem Film beschreiben Sie, dass Sie selbst zuerst von den Krankenschwestern lernten und dadurch die Notwendigkeit erkannten, hier etwas zu tun. 

KERR: Ja, ich habe nicht von den Ärzten, sondern von Krankenschwestern, Seelsorgern und Sozialarbeitern gelernt. Anfangs konnten sie bessere Prognosen stellen als ich, denn sie wussten, wenn jemand die Toten sieht, hat das eine Bedeutung. Tatsächlich hat unsere Studie gezeigt, dass es eine Vorhersagemöglichkeit gibt, wenn wir den Lebensweg der Menschen verfolgen. 

Ja, es waren wirklich die Krankenschwestern, die Bescheid wussten. Und in der Tat kamen einige der besten Empfehlungen für unsere Studie von Krankenpflegern, also von den Menschen, die am Sterbebett arbeiten und die Patienten pflegen.

In Ihren Veröffentlichungen weisen Sie auf Ihren Vater hin, der starb, als Sie noch jung waren. Er war ebenfalls Arzt. Hat dieses Ereignis Ihr Leben, Ihre Karriere geprägt? 

KERR: Ich würde sagen, es hat mich von allem ferngehalten, was mit dem Tod zu tun hat. Der Tod war lange Zeit ein Thema, über das ich nicht gerne sprechen wollte. Aber dann schloss sich der Kreis, als ich mit dieser Art von Arbeit begann. Und das letzte Mal, als ich meinen Vater sah, hatte er eine dieser Erfahrungen. Einerseits, auf einer Ebene, die ich nicht verstehe, scheint das kein Zufall zu sein. Andererseits aber war es auch keine bewusste Entscheidung von mir, auf Grund dieser Erlebnisse mit der Erforschung von Träumen und Visionen zu beginnen. Eigentlich habe ich mich beruflich in Richtung Kardiologie orientiert, wollte im Bereich medizinischer Interventionen tätig sein, aber jetzt habe ich hier eine für mich wirklich sinnvolle Tätigkeit gefunden. 

Waren Sie von der Kardiologie desillusioniert?

KERR: Ja, die praktische medizinische Arbeit hat mich auf jeden Fall desillusioniert, weil ich die Unzufriedenheit, die Frustration der Ärzte miterlebte, die mehr als 50 Prozent ihrer Zeit nicht mit Behandlungen, sondern mit der Dokumentation oder dem Telefonieren mit Versicherungen verbringen. Es hat mich sehr betrübt, zu erleben, dass es aus Zeitmangel nicht möglich ist, Menschen wirklich kennenzulernen. Wenn jemand in die Praxis kommt und sagt, er sei depressiv, und man hat nur 15 Minuten Zeit, bis er wieder gehen muss, dann macht man sich Sorgen. Solche Zwänge verdrängen die guten Absichten, die uns ursprünglich veranlasst haben, Mediziner zu werden. Eine ganze Reihe von Faktoren arbeitet gegen uns. Die Idee eines Praxismodells, das den Wert ärztlicher Arbeit daran misst, was sie für die Menschen bedeutet, denen wir dienen, ist längst zur Utopie geworden. Es war also genau der richtige Zeitpunkt, mich etwas anderem zu widmen, bevor ich völlig desillusioniert und frustriert gewesen wäre. Insofern habe ich mich nach dieser Zeit nie zurück gesehnt.

Haben Sie nun viel mehr Zeit für Ihre Patienten? 

KERR: Auf jeden Fall, ja. Ich habe Kontakt zu ihren Familien und erlebe die Menschen bei ihnen zu Hause. Und gemeinsam mit Partnern aus anderen Disziplinen kann ich sie ganzheitlich behandeln. Gemeinsam können wir so viel mehr bewirken! Das Modell funktioniert. 

Wie groß ist Ihr Forschungsteam? Führen Sie Ihre Studien noch weiter?

KERR: Ja, wir sind in mehreren Richtungen tätig, wir machen auch Medikamentenstudien. Wir befassen uns mit wichtigen Themen wie Pflege und Vergebung. Ein umfassendes Spektrum also. Normalerweise arbeiten wir mit drei weiteren Vollzeitmitarbeitern und einigen Studenten, was für ein Hospiz eher ungewöhnlich ist. Aber mir wurde schon vor Jahren klar, dass wir eine sehr interessante klinisch- therapeutische Arbeit leisteten, die in der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt ist, zum Beispiel die Verwendung von Medikamenten wie Ketamin, Ritalin und all diese Dinge. Daher haben wir begonnen, unsere Ergebnisse zu veröffentlichen. Auch diese Arbeit entstand aus den zunächst frustrierenden Versuchen, die Bedeutung der Erfahrungen unserer Patienten zu vermitteln. Es war also sehr befriedigend, hier weiter zu forschen.

Mit Ihrer Forschung haben Sie schon vor einiger Zeit begonnen – vor zehn Jahren, richtig?

KERR: Ich habe schon in den frühen 2000-er Jahren mit Forschungen begonnen, aber mit der speziellen Forschung über Träume und Visionen vor etwa zehn Jahren.

Woran haben Sie vorher geforscht? 

KERR: Ich habe ziemlich viele Arzneimittelstudien durchgeführt. Zudem auch programmatische Studien, zum Beispiel zur Lage der Palliativversorgung in Krankenhäusern, zu Hause oder in Gefängnissen. Wir haben alles untersucht, was uns interessant erschien, und ich hatte Spaß am Veröffentlichen. Ich wusste, dass wir wichtige Dinge zu berichten hatten. Es wäre schade gewesen, nichts davon weiterzugeben, denn in diesem Land ist die Hospizarbeit nicht standardisiert. Sie wird von jeder Gemeinde anders gehandhabt, selbstgestrickt, es gibt keine allgemein gültigen Grundlagen. Deshalb sahen wir die Verpflichtung, nicht nur etwas zu tun, sondern auch anderen die Informationen aus dieser Arbeit zugänglich zu machen.

Sie haben einen Doktortitel in Neurobiologie. Das ist ein Nebenzweig der Neurowissenschaften, richtig?

KERR: Ja, es handelt sich um ein spezielles Gebiet der Neurowissenschaften.

Im Zusammenhang mit Ihrer Arbeit erwähnten Sie vorhin die Begriffe Pflege und Vergebung. Worum geht es dabei konkret? Wie wird das organisiert?

KERR: Es gibt einige Ausbildungsprogramme zur Vergebungstherapie. Gelehrt wird dabei, wie Menschen interagieren können, damit Vergebung möglich wird, wie man dann das Ergebnis misst und was Trost oder Erleichterung verschafft. Es gibt eine Therapie, die auf die Würde ausgerichtet ist, etwa wie eine Grabrede für einen noch lebenden Menschen, wobei es um Erinnerungen und Werte geht, auch darum, was jemand gelernt hat und weitergeben kann. Es gibt Weisheits-Therapien und noch viele andere Aspekte, die alle den Sinn haben, im Sterbeprozess nicht nur die Körperorgane zu betrachten, sondern wirklich die Person zu behandeln. Unsere Therapien folgen diesem wichtigen Gedanken. Und sie schließen auch Angehörige mit ein, betrauen sie mit Pflegearbeiten, anstatt ihre Situation, wie das oft geschieht, nur mit Burnout oder Stress zu assoziieren.

Es geht auch um die Pflegenden …

KERR: Ja. Und die sind oft sehr dankbar für das, was sie erleben. Ich habe zum Beispiel gerade ein Interview in einer Flüchtlingsfamilie geführt, in der ein sterbendes Kind begleitet wird. Die Menschen betrachten die Situation als den größten Segen in ihrem Leben, beschreiben die Ereignisse in wunderbarer Weise und beziehen ihre Gemeinschaft mit ein. Von solchen Begebenheiten erzählen zu können, ist wirklich überaus interessant. 

Eine Frage zur Häufigkeit: Sie sagen, bis zu 90 Prozent der Sterbenden haben diese Träume und Visionen. 

KERR: Das stimmt. 

Das Phänomen ist also weit verbreitet …

KERR: Ja. Ich denke, es gibt etwa 30 Prozent mehr Fälle als früher angenommen wurde. Allerdings basierten frühere Studien auf episodischen Interaktionen, bei denen die Teilnehmer befragt wurden. Wir haben die Menschen in einer Langzeitstudie beobachtet. Und es ist gut möglich, dass die Zahl noch höher ist. Denn wir mussten Menschen, bei denen Gehirn- oder Demenzerkrankungen bekannt waren, ausschließen.

In meinem Buch gibt es ein Kapitel über Menschen mit kognitiven Auffälligkeiten. Es ist sogar mein Lieblingskapitel. Ihre Erfahrungen am Lebensende wurden zwar nicht in unsere formalen Studien mit einbezogen, aber sie berichten von solchen Erlebnissen, und zwar auf die kreativste, bunteste und interessanteste Weise.

Wir neigen dazu, solche Menschen oft nur auf Grund ihrer kognitiven Defizite zu beurteilen und ignorieren die Tatsache, dass sie ein reiches Gefühlsleben und eine reichhaltige Geschichte haben, und die kommt oft zum Vorschein. Es gibt ein spektakuläres Video von einer dementen Frau, die in ihren letzten Tagen euphorisch wurde. Denn sobald sie die Augen schloss, erlebte sie sich wieder mit ihrem verstorbenen Mann zusammen, den sie sehr geliebt hatte. In der letzten Woche ihres Lebens musste ihre Tochter das Pflegeheim anrufen, weil ihre Mutter immer wieder von zu Hause weg lief, um zu ihrer Hochzeit zu gehen.

Es gab auch eine junge Frau mit Down-Syndrom, die Eierstockkrebs und Aszites hatte – eine mütterliche Natur; die Puppe, die sie mit sich trug, war für sie ihr Baby. Und wenn sie Bauchschmerzen hatte, dann eben wegen des tretenden Babys. Die Erlebnisse solcher Menschen sind anders, aber sie haben deshalb nicht weniger, sondern vielleicht sogar mehr Bedeutung für sie.

Einer unserer Partner hat übrigens eine Mutter gefilmt, die durch den Zweiten Weltkrieg traumatisiert war. Die Schrecken des Krieges hatten sie auf jede erdenkliche Art und Weise verändert. Sie war die meiste Zeit ihres Lebens eine wütende und verbitterte Person gewesen. Sie hatte auch ein Kind verloren, als es drei Jahre alt war. Dieses Kind traf die Frau wieder, als sie dem Tod nahe kam. Und dieses Erlebnis verwandelte sie völlig. Sie wurde zur netten, gütigen, freundlichen Person, auch gegenüber den Pflegekräften. Sie war so grundlegend verändert, dass sie ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr erkannte. Man musste es abdecken, sie wollte die böse alte Dame nicht mehr sehen. Sie war innerlich anderswo. Aber das nur nebenbei. Jedenfalls haben wir Menschen mit kognitiven Auffälligkeiten zwar von unseren Studien ausgeschlossen, aber wir haben ihre Geschichten in dem Buch und in den Filmen mit einbezogen. 

Haben Sie auch öfter Menschen beobachtet, die in ihrer letzten Lebensphase das Phänomen der terminalen Geistesklarheit zeigen?

KERR: Ja. Das „National Institute of Health“ sponsert gerade eine Studie darüber. Jeder, der sich um Menschen an ihrem Lebensende kümmert, kennt demente Personen, die sich zum Beispiel plötzlich an die Namen ihrer Kinder erinnern können. 

Ich habe dazu eine Theorie, die vielleicht falsch ist. Menschen, die Träume und Visionen am Ende ihres Lebens haben, können ihre Erlebnisse außerordentlich gut in einen sinnvollen Zusammenhang bringen, und ihre Erinnerungen umfassen dabei auch viele Details, zu denen sie vorher keinen Zugang hatten. Zum Beispiel kann sich jemand, der vor 80 Jahren seine Mutter verloren hat, an den Geruch ihres Parfums erinnern. Das Bewusstsein erwacht also zu erhöhter Intensität, wie es auch eine Musiktherapie bewirken kann. Eine demente Person, die nicht mehr sprechen kann, und einen Song vorgespielt bekommt, der ihr in der Jugend, vielleicht vor fünf Jahrzehnten, viel bedeutet hat, singt plötzlich den Refrain. 

Ich bin mir nicht sicher, aber möglicherweise wirkt der Sterbeprozess ähnlich stimulierend. Die Menschen stellen durch ihre Erfahrungen sinnvolle Zusammenhänge her, die es ihnen ermöglichen, sich wieder zu erinnern.

Eine terminale Geistesklarheit zu beobachten, ist ziemlich aufsehenerregend. Es ist ein reales Phänomen. Und ein mir bekannter Forscher, der unsere Unterlagen dazu durchgearbeitet hat, konnte zeigen, dass es durch die EEG-Aktivitäten nicht wirklich erklärt werden kann. Ich gebe also nicht vor, das Phänomen zu verstehen, aber es handelt sich sicherlich um eine klinische Beobachtung. 

Und haben Sie so etwas schon oft beobachtet? 

KERR: Ja, das habe ich. Und es kann sehr unangenehm für eine Familie sein, wenn sie nicht darauf vorbereitet ist. Wenn jemand hört, dass seine Mutter ihn plötzlich wieder beim Namen nennt, nachdem sie das drei Jahre lang nicht mehr konnte, und kurz danach stirbt sie, dann kann er das verstörende Gefühl haben, dass ihm etwas geschenkt und sogleich wieder genommen wurde. Das Phänomen ist nicht nur medizinisch sehr interessant.

Herr Dr. Kerr, danke vielmals für die interessanten Einblicken in Ihre Arbeit! Viel Erfolg für Sie und Ihr Team. Ich wünsche Ihnen, dass die Ergebnisse Ihrer Arbeit weithin bekannt werden. Das ist wichtig für unsere Gesellschaft!

KERR: Ja. Aber das ist eine andere Geschichte. Danke für Ihr Interesse und die interessanten Fragen, die ich sehr geschätzt habe!

Ich danke Ihnen! 

KERR: Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Auf Wiedersehen!

 

Credits:
Interview, Kamera, Regie: Jens Rohrbeck
Übersetzung: Werner Huemer
Redaktion, Schnitt, Voice-over: Werner Huemer

℗ Mediaservice Werner Huemer
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